Paul Fägerskiöld — Steht unsere Zukunft in den Sternen?

Paul Fägerskiöld · Monastery of Saint-Paul-de-Mausole, Saint-Rémy-de-Provence. Night between 17–18th June 1889, View east-southeast, 2020, Öl auf Leinwand mit Rahmen aus Walnussholz, 80 x 130 cm, Courtesy Galerie Nordenhake, Berlin / Stockholm / Mexico City

Paul Fägerskiöld · Monastery of Saint-Paul-de-Mausole, Saint-Rémy-de-Provence. Night between 17–18th June 1889, View east-southeast, 2020, Öl auf Leinwand mit Rahmen aus Walnussholz, 80 x 130 cm, Courtesy Galerie Nordenhake, Berlin / Stockholm / Mexico City

Besprechung

Es scheint eine Nacht wie jede andere. Die Sterne leuchten am tiefschwarzen Himmel und lassen den Blick in die Ferne schweifen. Erst der Titel verrät, dass es sich um ein Zukunftsbild handelt: Es zeigt Stockholm am 1. Januar im Jahr 100’000 nach Christus – wie es dann wohl um uns steht?

Paul Fägerskiöld — Steht unsere Zukunft in den Sternen?

Thun — So viel ist gewiss: Sie und mich, ja uns alle, die wir in diesem Moment existieren, wird es im Jahr 100’000 n. Chr. nicht mehr geben. Der schwedische Künstler Paul Fägerskiöld (*1981, Stockholm) präsentiert im Kunstmuseum Thun seine erste Einzelausstellung in der Schweiz. Er gibt zu bedenken, dass er sich glücklich schätzen könne, wenn er in 80 Jahren noch lebe. So bleibt unser Zeitdenken stark auf unsere Lebensdauer bezogen. Vielleicht denken wir noch zwei, drei Generationen in die Zukunft. Schon was danach kommt, wird abstrakt. Versuchen wir uns in das Jahr 100’000 n. Chr. zu versetzen, erleben wir ein Totalversagen unserer Vorstellungskraft.
Kein Problem für eine Maschine. Fägerskiöld nutzt für die Gemälde seines ‹Starry Night›-Zyklus eine Astronomie-Software. Damit lassen sich die Sternpositionen kalkulieren, für jeden Ort und jede Zeit. Fägerskiöld macht das nicht nur für seine Heimatstadt Stockholm. Eines seiner Gemälde zeigt den Sternenhimmel in der Nacht vom 17. auf den 18. Juni 1889 im französischen Saint-Rémy-de-Provence. Genau dort, in jener Nacht, soll Vincent van Gogh sein berühmtes Gemälde ‹Sternennacht› gemalt haben. Das Werk wird seit 1941 im Museum of Modern Art in New York gezeigt, unter dem Titel ‹The Starry Night›.
Solche Bezüge sind wunderbar. Doch: Spielt es eine Rolle, wo über Stockholm die Sterne stehen? Bestimmen diese unser Dasein und den Lauf der Geschichte? Es hat etwas Paradoxes: Menschen definieren Sternbilder und geben ihnen Bedeutung, in der Hoffnung, diese mögen der eigenen Existenz einen Sinn verleihen. Dieses Dilemma ist Fägerskiöld wohl bewusst. Ihm geht es denn auch nicht um eine astrologische Deutung der Sternkonstellationen. Vielmehr interessieren ihn Prozesse der Sinnproduktion. Denn das Bedürfnis, die eigene Existenz in Zeit und Raum zu verorten, bleibt bestehen. Wir wollen wissen, woher wir kommen, wo wir stehen und was die Zukunft bringt. Fägerskiölds gewaltige Sternpanoramen erzeugen ein Gefühl der eigenen Nichtigkeit und strahlen gerade dadurch Erhabenheit aus. Sie triggern existenzielle Fragen und treiben die Vorstellungskraft an ihre Grenzen. So ist es uns zwar nicht möglich, Stockholm im Jahr 100’000 n. Chr. zu imaginieren. Doch werden wir in einer Zeit der Krise dazu animiert, über die eigene Lebensspanne hinauszudenken. Wir fragen uns unwillkürlich, wie die Welt im Jahr 100’000 aussehen wird, ob es Stockholm dann überhaupt noch gibt – und ob wir nicht gerade planlos in die Zukunft taumeln. 

Bis 
15.08.2021
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Albrecht Schnider, Paul Fägerskiöld 29.05.202115.08.2021 Ausstellung Thun
Schweiz
CH
Autor/innen
Jana Bruggmann
Künstler/innen
Paul Fägerskiöld

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