Schiffstücher aus Sumatra

Palepai mit abstrahier­ten Mustern, Semangka-Bucht, Süd­sumatra, Courtesy Völkerkunde­museum Universität Zürich (Ausschnitt). Foto: Kathrin Leuenberger

Palepai mit abstrahier­ten Mustern, Semangka-Bucht, Süd­sumatra, Courtesy Völkerkunde­museum Universität Zürich (Ausschnitt). Foto: Kathrin Leuenberger

Tampan, Lampung-Provinz, Courtesy Völkerkundemuseum Universität Zürich. Foto: Kathrin Leuenberger

Tampan, Lampung-Provinz, Courtesy Völkerkundemuseum Universität Zürich. Foto: Kathrin Leuenberger

Hinweis

Schiffstücher aus Sumatra

Zürich — Schiffsmodelle lassen sich aus verschiedenen Materialien bauen, von Zündhölzern über Kunststoff bis zu Gewürznelken. Ja, richtig, die auf den Molukken heimischen ‹Nägeli› für unsere Suppen sind die Basis für zwei ‹Nelkenschiffe›. Sie bilden den Auftakt zur Ausstellung ‹Schiffe und Übergänge› im Völkerkundemuseum der Universität Zürich. Glasdias und Bücher mit Notizen zeigen Ausschnitte aus der Arbeit von Alfred Steinmann (1892–1974), von 1941 bis 1963 Direktor der völkerkundlichen Sammlung, des Vorläufers des heutigen Museums. Er ging als Botaniker nach Sumatra, wo er sich eingehend mit den gewebten Schiffstüchern zu beschäftigen und sie kulturhistorisch zu erforschen begann.
Die zurückhaltend beleuchteten Tücher werden in einem blau gestrichenen, abgedunkelten Raum präsentiert, man wähnt sich im Bauch eines Schiffes. Touchscreens erlauben einen Blick auf die Rückseite, die fast so sorgfältig gewebt ist wie die Vorderseite, und bieten erklärende Texte. Die hochentwickelte Webtechnik war in allen Familien Frauensache: Auf einem naturfarbenen baumwollenen Grundgewebe in lockerer Leinwandbindung werden mit Hebestäbchen Musterschussfäden in flottierendem Einschlag eingewebt. Die Tücher sind in den Farben Rot, Gelb und Blau gehalten; gefärbt wurde mit natürlichen Substanzen, und die intensiven Farbtöne haben ihre eindrückliche Strahlkraft über die Jahre behalten.
Steinmann interpretierte das Schiffsmotiv als Übergang toter Seelen in das Land der Ahnen. Sie können aber auch Geschichtsbücher von Sippen oder Familien sein, deren Leben von Land (die Insel selbst als Schiff) und Wasser (das Meer mit seinem Reichtum) geprägt wurde. Die langgestreckten, sogenannten ‹Palepai› dienten möglicherweise als Wandteppiche, als Gemälde des Lebens – ein gewebtes Instagram. Mit den gut quadratischen, wesentlich kleine­ren ‹Tampan› wurden vielleicht Opfergaben abgedeckt, oder waren sie das erste Geschenk für Neugeborene? Wir blicken hier in die Vergangenheit, denn diese Tücher werden nicht mehr hergestellt, viel Wissen ging verloren. Sichtbar geblieben sind die charakteristische Farbgebung und die Unterschiede in der Gestaltung bis hin zu stark abstrahierten Figuren.
Die Schau lässt einen in eine faszinierende Welt eintauchen. Der Eintritt ist frei und die grüne Insel des Alten Botanische Gartens ist nur ein paar Schritte entfernt. 

Bis 
31.10.2021
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Schiffe und Übergänge 11.04.202131.10.2021 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Autor/innen
Thomas Schlup

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