Sur papier — Verbindendes Zeichnen zwischen Ost und West

Sivan Eldar · Papier sonore / Pigments vivants, 2021, ortsspezifische Installation, MAHN. Foto: M. Czepiel

Sivan Eldar · Papier sonore / Pigments vivants, 2021, ortsspezifische Installation, MAHN. Foto: M. Czepiel

‹Sur papier›, Ausstellungsansicht mit Arbeiten von Mingjun Luo, MAHN, 2021. Foto: Maciej Czepiel

‹Sur papier›, Ausstellungsansicht mit Arbeiten von Mingjun Luo, MAHN, 2021. Foto: Maciej Czepiel

Besprechung

Das Musée d’Art et d’Histoire bringt Ost und West in den Dialog miteinander und zeigt Zeichnungen und Arbeiten auf und mit Papier von Sivan Eldar, Mingjun Luo, Francine Mury und Jiang Zuqing. Die vier Künstlerinnen unterschiedlicher Generation breiten die poetische Vielfalt ihres Mediums aus.

Sur papier — Verbindendes Zeichnen zwischen Ost und West

Neuenburg — Auf die Feinheiten kommt es an, auch beim Dialog zwischen den Kulturen. «In China gilt das als Malerei», sagt Künstlerin Mingjun Luo (*1963) angesichts von Arbeiten, die hier im Westen als Pinselzeichnungen eingeordnet werden. Es geht um zwei Serien aus der Hand der schweizerisch-chinesischen Künstlerin, die im ersten Saal der Ausstellung zu sehen sind. Die ältere erinnert an Schriftzeichen, die wie zerbrochen wirken. Der Bezug zum Lebensweg der Künstlerin, die in der Provinz Sichuan geboren wurde und seit 1987 in Biel lebt, ist klar: Wer von einem Kulturraum in den anderen wechselt, muss sich neu verorten. Das ist ein schwieriger Prozess, bei dem einem auch mal die Worte im Mund, die Gedanken im Kopf zerbrechen können.
Ost-West-Begegnungen können aber auch einvernehmlich und fruchtbar verlaufen – das zeigen die gemeinschaftlich entstandenen Arbeiten der Westschweizerin Francine Mury (*1947) und der Chinesin Jiang Zuqing (*1962). Auf grossformatigen Blättern begegnen sich die künstlerischen Handschriften der beiden Frauen – die in langen Exerzitien auf die traditionelle chinesische Tuschmalerei eingeübte Hand von Zuqing und die feine, mit floralen Motiven spielende Hand von Mury.
Da sind sie schon wieder, die Handschriften: Papier gilt als Bildträger, der besonders viel Intimität zulässt. Die Zeichnung scheint dem inneren Impuls der künstlerischen Hand näher als Gemälde, Skulpturen oder Installationen. Wiewohl Papier sich durchaus als Stoff für installative Arbeiten eignet. Das zeigt ein Raum, in dem die israelisch-amerikanische Künstlerin Sivan Eldar (*1985) eine Art meditativen Garten aus Papier angelegt hat: Ein romantisch gewundener schwarzer Weg führt durch eine weisse Landschaft, in der schlichte weisse Papierblumen zu schwimmen scheinen. Die Installation ist buchstäblich unterlegt mit einer Soundarbeit Eldars: Man hört und spürt die Vibrationen der Bässe unter den Füssen. Dieser Raum ist nicht die einzige Überraschung auf dem Ausstellungsparcours. Kuratorin Antonia Nessi gelingt es gemeinsam mit den Künstlerinnen, das Medium Papier in stimmungsvoller Vielfalt zu inszenieren. Dazu gehört auch ein kleiner Raum, der eigentlich eine Durchgangsfunktion hat. Im Kontext der Ausstellung wird aus dieser Passage ein Ort der Intimität: In die rot gestrichenen Wände eingelassen eine kleine Vitrine, in der kleine Schalen stehen. In Grösse und Form gleichen sie jenen Schälchen, die für eine chinesischstämmige Künstlerin wie Mingjun Luo zum täglichen Essgeschirr gehören. Doch diese Schälchen sind nicht aus Porzellan gefertigt, sondern aus zerrissenen Zeichnungen von Luo. Das Persönliche und das Alltägliche verbinden sich. 

Bis 
05.09.2021
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Sur papier 08.05.202105.09.2021 Ausstellung Neuchâtel
Schweiz
CH
Autor/innen
Alice Henkes
Künstler/innen
Mingjun Luo

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