Bechtler Stiftung — Die Kunst wohnt nebenan

Pipilotti Rist · I Couldn’t Agree With You More, 1999, Ausstellungsansicht Bechtler Stiftung, 2022 © ProLitteris. Foto: Flavio Karrer

Pipilotti Rist · I Couldn’t Agree With You More, 1999, Ausstellungsansicht Bechtler Stiftung, 2022 © ProLitteris. Foto: Flavio Karrer

Bechtler Stiftung, Aussenansicht, 2022. Foto: Flavio Karrer

Bechtler Stiftung, Aussenansicht, 2022. Foto: Flavio Karrer

Besprechung

Mit Geduld und Beharrlichkeit Kunst fördern, ihr Sichtbarkeit und Zeit geben, das tut die Walter A. Bechtler Stiftung seit 1995. Nun eröffnete sie neue Räume mitten in einer Wohnsiedlung und bringt damit die Transformation des Zellweger Parks in ­Uster zum krönenden Abschluss.

Bechtler Stiftung — Die Kunst wohnt nebenan

Uster — Die Kunst war schon da, als die Bechtlers die Entwicklung des vormaligen Industrieareals der Zellweger Luwa AG in ein Wohn- und Arbeitsquartier angingen. Der ‹Moosfelsen› von Peter Fischli und David Weiss lag wie ein Urgestein im Gehölz. Tadashi Kawamatas ‹Drift Structure›, die als Brücke über den Weiher führt, erschien wie von Schwemmholz gebildet. Im Schatten der Bäume ruhte Sol LeWitts ‹Cube›, als hätte es die vielen Querelen um ihn nie gegeben. An dieser selbstverständlichen Anwesenheit von Kunst haben auch die zahlreichen Bauten, die von namhaften Architekturbüros rund um den Weiher entstanden sind, nichts geändert. Im Gegenteil: In der jüngsten und letzten Wohnsiedlung des Masterplans wurde die Kunst sogar Teil des Raumprogramms. Von aussen als Schuppen getarnt, ist zwischen Grillplatz, Kleingarten und Kinderspielplatz Pipilotti Rists Video ‹I Couldn’t Agree With You More› von 1999 eingezogen. Der von der Künstlerin gestaltete Raum hat die Intimität eines Zimmers, in dem die wandfüllende Projektion wie das vergrösserte Display eines Smartphones oder Tablets erscheint. Die Künstlerin fixiert die Kamera; auf ihrer Stirn spiegeln sich nackte Menschlein, als wären es verborgene Seiten des Ichs, die aus dem Unterholz aufgescheucht wurden. Gut möglich, dass ab und zu Anwohnende dem Alltag entschlüpfen und sich hier der Selbstreflexion stellen.
Weniger subversiv, weil grösser und institutioneller, ist die Halle für Walter De Marias 500 m2 umfassendes Werk ‹The 2000 Sculpture›, das eben noch im Bührlesaal des Kunsthaus Zürich zu sehen war, für den der Künstler es 1992 geschaffen hatte. Nach der Schliessung der Hallen für Neue Kunst in Schaffhausen gibt es nun wieder einen Ort, an dem ein Hauptwerk der Minimal Art dauerhaft sichtbar ist. Mit ihm verbunden ist ein kleinerer Raum für Wechselausstellungen. Als Erstes kuratierte Bice Curiger mit ‹All Chemie› eine Gegenüberstellung von Sigmar Polke und Pamela Rosenkranz.
Mit den neuen Räumen der Walter A. Bechtler Stiftung erhält Uster eine Kulturinstitution, die sie noch mehr zur Stadt werden lässt. Die international renommierte Kunst wird auswärtiges Publikum anziehen. Doch ist es keine Pilgerstätte. In der Wohnsiedlung ist die Kunst die etwas andere Nachbarin. Und der Zellweger Park bleibt in erster Linie ein öffentlicher Raum, in dem Angestellte wie Anwohnende Ruhe und Erholung suchen. Der ‹Moosfelsen› hält sich bedeckt, der ‹Cube› schweigt, die Tür zum Schuppen öffnet und schliesst sich leise. 

Bis 
18.09.2022

→ ‹All Chemie – Sigmar Polke und Pamela Rosenkranz›, bis 18.9., permanente Installationen zugänglich zu den Öffnungszeiten: Walter De Maria ‹The 2000 Sculpture›, Pipilotti Rist ‹I Couldn’t Agree With You More›, Bechtler Stiftung ↗ www.bechtlerstiftung.ch

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