Biennale Bregaglia — Wie gefällt uns die Welt?

Jeanno Gaussi · Hanging Narratives, 2021/22, Installationsansicht Biennale Bregaglia. Foto: Michel Gilgen

Jeanno Gaussi · Hanging Narratives, 2021/22, Installationsansicht Biennale Bregaglia. Foto: Michel Gilgen

Nevin Aladağ · Color Floating I + II, 2020, Installationsansicht Biennale Bregaglia, 2022. Foto: Michel Gilgen

Nevin Aladağ · Color Floating I + II, 2020, Installationsansicht Biennale Bregaglia, 2022. Foto: Michel Gilgen

Besprechung

Die zweite Biennale Bregaglia öffnet Türen, die jahrzehntelang verschlossen waren, fügt ein, wovon man nicht wusste, dass es fehlt, und malt anders, wo rigide Rollen vorherrschen. Damit stösst sie neue Narrative an, denen es gelingt, Bestehendes auszuloten, ohne es gleich komplett zu überschreiben.

Biennale Bregaglia — Wie gefällt uns die Welt?

Vicosoprano — Wie zwei Ufos, kurz davor zu landen, erhellen zwei bunte Leuchten die Maira, den Fluss, der sich durchs Tal zieht. Es sind zwei Designerlampen, denen Nevin Aladağ Strümpfe überzog. Dieses Aufeinandertreffen ist schon unüblich. Nun hängen die Objekte auch noch an einem Ort, wo beides nicht hingehört. Doch sie passen bestens dahin, sorgen abends für eine besinnliche Atmosphäre. Und tagsüber ergänzen sie als Farbtupfer die historische Steinbrücke sowie die Berglandschaft dahinter. Sie gehören zu den wenigen nicht ortsspezifisch geschaffenen, doch von den Kuratorinnen Bigna Guyer und Anna Vetsch ebenso durchdacht platzierten Arbeiten im ehemaligen Bergeller Hauptort Vicosoprano.
Unterwegs zu insgesamt zwölf Werken begegnet man immer wieder Sina. Sie verkörpert eine Art Bergeller Pippi Langstrumpf, benannt nach einer Bekanntschaft, die Zoé Cornelius in der Region machte. Die Fotografien, auf denen Sina in lokalen Szenerien herumturnt, befinden sich auf dem Grund der zahlreichen Brunnen im Dorf. Selbstbewusst nimmt die Figur den öffentlichen Raum ein. Zugleich entzieht sich ihr Abbild durch die bewegte Wasseroberfläche allzu klaren Festmachungen. Die Arbeit fand durch die Ausschreibung einer «Wildcard» hierher und versprüht eine emanzipatorische Laune, die einen roten Faden zu anderen Werken spinnt. Dass selbstbestimmtes Verhalten gerade für Frauen bis in die Neuzeit fatal enden konnte, führt Lena Maria Thüring in einem eindringlichen Videoessay vor: Darin verweben vom Bergeller Chor gesprochene Zeilen die suggestiven Fragen aus Protokollen lokaler Hexenprozesse mit jenen aus aktuellen Anhörungen zu Sexualdelikten. Zugleich huldigt sie auf Bildebene und mit einem Duft dem einst von den Mächtigen gefürchteten, heute kommerzialisierten Kräuterwissen. Andriu Deplazes wiederum beeindruckt mit Malereien, auf denen Körper traditionellen Familienrollen entweichen oder mit ihrer Umgebung verschwimmen. Sie beleben ein Wohnhaus, dessen Fassade für seine reichen Sgraffiti zwar bekannt ist, doch das seit Jahrzehnten unbewohnt und verschlossen blieb. Einen Windhund dieser Hauswand repliziert Jeanno Gaussi in ihren ‹Hanging Narratives›. Auf bedruckten Leinwänden hat sie lokale Motive vervielfältigt und unbeschwert neu arrangiert. ‹Die Verbindung der Bergeller Dörfer zueinander›, das vorgegebene Thema der aktuellen Biennale Bregaglia, bleibt eher vage, doch das ist auch gut so. Die Schau besticht gerade dort am meisten, wo sich ausgehend vom Spezifischen vor Ort eine Relevanz weit übers Tal hinaus entfaltet.

Bis 
24.09.2022
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Biennale Bregaglia 2022 11.06.202224.09.2022 Grossausstellung/Festival Vicosoprano
Schweiz
CH
Künstler/innen
Nevin Aladag
Jeanno Gaussi
Autor/innen
Irène Unholz

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