Lorna Simpson — Im Dunst verschwindend

Lorna Simpson · Haze, 2022, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Thun; vorne: 12 Stacks, 2018, 12 Stapel Ebony- und Jet-Magazine, Polyhülsen, Bronze, Glas, gefundene Hocker, Courtesy Hauser & Wirth. Foto: David Aebi

Lorna Simpson · Haze, 2022, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Thun; vorne: 12 Stacks, 2018, 12 Stapel Ebony- und Jet-Magazine, Polyhülsen, Bronze, Glas, gefundene Hocker, Courtesy Hauser & Wirth. Foto: David Aebi

Besprechung

Begleitet von einem beständigen, melancholisch anmutenden Pfeifen, tauchen wir in die mit Metaphern gespickte Welt von Lorna Simpson ein. In der Einzelausstellung im Kunstmuseum Thun schiebt sich dabei das Dunstige in den Vordergrund: trüb, ortlos, verqualmt.

Lorna Simpson — Im Dunst verschwindend

Thun — In den neuesten Arbeiten von Lorna Simpson (*1960, Brooklyn) ist die Farbe Blau auffallend. Es ist eine gefühlsträchtige Palette, die Traumhaftes und Tiefsinn vereint. «To feel blue» steht für eine bedrückte Stimmungslage, und die Bezeichnung des Musikgenres «Blues», das sich in der afroamerikanischen Gesellschaft entwickelte, ist eine Verkürzung von «blue devils» – des englischen Idioms, das soviel bedeutet wie Trübsinn oder Melancholie.
Die grossformatigen Malereien in vorwiegend kühler Farbigkeit erscheinen wie arktische Landschaften, wobei sie gespickt sind mit Textpassagen und Ausschnitten aus schwarz-weissen Porträtfotografien. In ‹Detached Night›, 2019, beispielsweise evoziert das Blau auf der Leinwand eine Tiefe, in der wir uns verlieren können, doch ein auf uns gerichtetes Auges holt uns sogleich in die Realität zurück. Simpson verweist hier auf die Metapher des Eisbergs, dessen Spitze stets mit dem unter Wasser verborgenen grösseren Teil verbunden ist. Eis steht für Simpson sowohl für Stillstand wie auch für Transformation oder das Unklare. Skulptural taucht es in Form von gläsernen Würfeln auf. Transparent und gleichzeitig die Durchsicht verzerrend, liegen diese auf gestapelten ‹Ebony›- und ‹Jet›-Magazinen, Zeitschriften, die vorwiegend eine afroamerikanische Leserschaft adressieren. Doch die Sicht auf die Covers ist getrübt, ebenso wie die immer noch vorurteilsbehaftete Wahrnehmung von Schwarzen Menschen in den USA.
‹Ebony›-Ausgaben dienen der Künstlerin zudem als Material für Collagen, mit welchen sie die Grenzen zwischen Dokumentation und inszeniertem Bild befragt. Doch auch hier gibt es keine klaren Antworten, vielmehr öffnet sich ein breites Assoziationsfeld für eigene Deutungen. Die Melodie, welche die Besucherinnen und Besucher wie hartnäckige Nebelschwaden umhüllt, stammt aus der Videoarbeit ‹Cloud­scape›, 2004. Der Künstler und Musiker Terry Adkins stimmt darin ein Kirchenlied an, das sich im Verlaufe des Videos verfremdet: In Endlosschleife vorwärts und wieder rückwärts laufend, werden visuelle und akustische Elemente wiederholt und neu gemischt. Dabei kommt Nebel auf, der immer dichter wird, bis der Protagonist allmählich im Dunst verschwindet. Dunst – «Haze» – verdeckt und weckt die Vorstellung: Was sehen wir, und was glauben wir zu erkennen? Es ist die subjektive Wahrnehmung, die es bei Lorna Simpson stets zu überprüfen gilt. 

Bis 
14.08.2022
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Lorna Simpson 21.05.202214.08.2022 Ausstellung Thun
Schweiz
CH
Künstler/innen
Lorna Simpson
Autor/innen
Katrin Sperry

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