Charles Boetschi in der Galerie Brigitte Weiss

Charles Boetschi · Color Unit 28.5, 1999, Acryl auf Leinwand, 155 x 155 cm, Courtesy Brigitte Weiss, Zürich

Charles Boetschi · Color Unit 28.5, 1999, Acryl auf Leinwand, 155 x 155 cm, Courtesy Brigitte Weiss, Zürich

Besprechung

Das malerische Werk des 1958 in Kalkutta geborenen und seit 1989 im Thurgau lebenden Künstlers zeichnet sich seit seiner Rückkehr aus New York durch eine klare, in sich geschlossene Bildsprache aus. Nach den grossen Flächen im Kunstraum Kreuzlingen zeigt Boetschi nun in der Galerie Brigitte Weiss Malereien auf kleinem und mittlerem Format.

Charles Boetschi in der Galerie Brigitte Weiss

Schwer dräuend liegt das dunkle Umbra des Himmels über dem ockerfarbenen Erdenstrich. Da kann nur froh sein, wer sich ins sichere Haus gerettet hat und das Naturspektakel durch das offene Sandsteintor betrachtet. Wer Charles Boetschis neue Werkserie mit dem buchhalterischen Titel «Color Unit 28» so betrachtet, verfügt über einen schönen Assoziationsreichtum, liegt jedoch ziemlich weit ab von dem, was den Maler umtreibt. Prinzipiell ist Boetschi jeder Gedanke zu seinem Gemälden recht, auch wenn er nicht nachvollziehen kann, wenn ein Kritiker in Kreuzlingen von den Booten im Hafen schwärmte, während auf der Leinwand lediglich rechtwinklige Farbflächen zu sehen sind.

Boetschis Thema ist das unendliche Widerspiel von Figur und Grund, das er zu fassen und ins Bild zu setzen sucht, lange bevor die Aufmerksamkeit von Dingen und Geschichten besetzt wird. Er betreibt mit Pinsel und Acrylfarbe eine Art Grundlagenforschung der Wahrnehmung, die in ihrer Klarheit und Nachvollziehbarkeit viel Donald Judd verdankt. Das betrifft zunächst einmal die konstruktive Anlage des Bildes. Seit seiner Rückkehr aus New York 1989 verwendet Boetschi nur noch quadratische Formate und unterteilt sie stets in acht gleiche Rechtecke. Diese wurden zunächst horizontal in zwei Reihen gelagert; vier in Schwarz markierten den Grund, vier in verschiedenen Farben ausgeführte die Figuration. Mit jeder Serie wechselte die Farbigkeit, bald auch die Anordung der Rechtecke auf der Fläche. Und zuletzt wurde die Grenze zwischen Figur und Grund durchlässig. Was farblich zuvor stets klar unterschieden war, näherte sich an bis auf die feine Linie, die das Abklebeband stets hinterlässt. In den beiden jüngsten Serien von 1999 kehrt stets eine Farbe der Figuration auch als Makierung des Grundes wieder. Nur wer genau schaut, erkennt, dass die angrenzenden Felder nicht in einem Zug, sondern jedes für sich nacheinander gemalt sind.

Der Gewinn dieser Annäherung ist eine verstärkte visuelle Dynamik. So gibt eine U-förmige Umrandung, die in einer Farbe gehalten ist, dem quadratischen Format tendenziell ein Drehmoment mit, das den Stapel aus Farben in der Mitte als vertikale Achse scheinbar durchbricht. Diese wiederum wird in den neuesten Werken dadurch irritiert, dass die beiden obersten Balken farblich zu einem Quadrat zusammengefasst sind, das sich jedoch am Rand der Bildfläche jeder Albersschen Zentrierung verweigert. Je länger man Boetschis Bilder betrachtet, desto ungemütlicher werden sie. Dass er die Farben im konstruktiven Raster nach subjektivem Empfinden setzt und kombiniert, trägt nicht unbedingt zur Beruhigung bei.


Bis 
08.10.1999
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Charles Boetschi 25.08.199909.10.1999 Ausstellung
Künstler/innen
Charles Boetschi
Autor/innen
Gerhard Mack

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