Stephen Shore in der SK Stiftung Kultur

Stephen Shore · aus: American Surfaces, 1972

Stephen Shore · aus: American Surfaces, 1972

Besprechung

Stephen Shore (* 1947), der Andy Warhols «Factory» am Ende der Sechzigerjahre fotografisch begleitete und einer der Pioniere der Farbfotografie in den Siebzigerjahren war, erhielt als erster Fotograf zu Lebzeiten eine Einzelausstellung im Museum of Modern Art in New York. Dennoch ist sein Werk in Europa bis zur Retrospektive 1994 in Münster und Hannover kaum beachtet worden. In Köln ist jetzt die Sequenz «American Surfaces» ausgestellt, die seit ihrem Ankauf durch das Metropolitan Museum im Jahr 1972 nicht mehr gezeigt wurde.

Stephen Shore in der SK Stiftung Kultur

Die Serie umfasste ursprünglich über 200 Fotografien, die Shore während einer Reise durch die Vereinigten Staaten 1972 mit einer Rollei 35 aufnahm. Die 77 neuen, 10 x 15 cm grossen, farbig gesättigt und optisch dichten Abzüge zeigen alltägliche Motive: Freunde blicken vom Blitz überrascht in die Kamera, ein Kühlschrank zeigt sein leeres, schäbiges Inneres, ein Fernseher flimmert vor sich hin. Die Bilder erzählen Normalität in genau beobachteten Details. Obwohl sie als tagebuchähnliche Aufzeichnungen einen dokumentarischen Charakter besitzen, scheinen sie wie im Vorbeigehen das zu erfassen, was gerade da ist, ohne es eindeutig zu bewerten.

Auf diese zurückhaltende Weise erreicht der Fotograf in den gesammelten, transitorischen Augenblicken Intensitäten und Tiefen, die eine fast zärtliche Hingabe an das Leben zeigen. Die Struktur einer Tapete neben einem öffentlichen Telefon, das Licht und die Nässe während eines Regenschauers an einer Strassenkreuzung sind zugleich alltägliche und besondere Momente, die den Bildern eine in diesem Medium seltene Sensibilität für Gefühltes und Gesehenes verleihen.

In den subjektiv erfassten Motiven klingt Biografisches und Sozialkritisches an. Dabei nimmt Shores Ästhetik Aspekte der Fotografie der Neunzigerjahre vorweg und unterscheidet sich doch deutlich von ihr. Im Festhalten eines nach den euphorischen Sechzigerjahren ernüchterten Amerikas und mit der erneuten Zuwendung zur nicht mehr utopischen Realität ist Shore hier dezidierter Zeitgenosse.

Das natürliche Ergebnis steht für den Fotografen im Vordergund – seine lakonische Bemerkung, dass er den Ausschnitt benutzt, um zu entscheiden, was er in das Bild einschliesst, belegt dies. Ohne in der Schnelle der Aufnahmen bildliche Strukturen festlegen zu können, vermag Shore in augenblickliche Situationen einzudringen, indem er auf ihren Details insistiert. Zufällige Erscheinungen wie das Auftauchen eines roten Autos oder die farbige Korrespondenz von Essen und Tischdecke nutzt er für das Verdichten eines Moments, dessen Flüchtigkeit und fragile Oberfläche zugleich bewahrt bleiben. Shores «American Surfaces», die sich von seinen späteren, mit Grossbildkameras produzierten Arbeiten durch ihre spontane Eindrücklichkeit unterscheiden, sind weniger durch seine Eingriffe als durch das zu beschreiben, was er nicht getan hat. In dieser Kunst des Unterlassens liegt eine souveräne Gelassenheit gegenüber der Realität und gelingt Shore eine wirkliche, intime Begegnung mit dem Alltag.


Bis 
04.09.1999

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