Helle Nächte

Annina Zimmermann (*1967), Kuratorin (links), Andrea Saemann (*1962), Performerin/Installationskünstlerin (rechts), beide leben in Basel. Foto: zvg (Claude Giger)

Annina Zimmermann (*1967), Kuratorin (links), Andrea Saemann (*1962), Performerin/Installationskünstlerin (rechts), beide leben in Basel. Foto: zvg (Claude Giger)

Weronika, 2001; Foto: Michael Fontana, Basel

Fokus

Unter freiem Himmel, auf einem Hügel über Basel, macht das Projekt «Helle Nächte» die natürliche Dunkelheit zum Kinosaal. Im Interview erklären die beiden Kuratorinnen Andrea Saemann und Annina Zimmermann, warum sie die Nacht zum Thema gemacht haben.

Helle Nächte

Ein Gespräch mit Andrea Saemann und Annina Zimmermann

Samuel Herzog: Selbst in einer kleinen Stadt wie Basel gehen die Lichter nie aus. «Helle Nächte» nun aber findet auf dem Bruderholz statt, einem ländlichen Hügel unmittelbar neben Basel. An einem Ort also, wo es normalerweise dunkel ist.Annina Zimmermann: Das Bruderholz mit seinen landwirtschaftlichen Feldern liegt auf einem hohen Geländerücken, der bis an die Stadt vorstösst. In der Nacht steht man hier zwar schon im Dunkeln, aber man blickt über die nahe Stadt mit ihren künstlichen Lichtern, ihrem orangefarbenen Dunst. Das Feld ist von Einfamilienquartieren umschlossen. Wer hier in den Vororten wohnt, lebt oft in Bezug zur Stadt, findet da Arbeit und Unterhaltung. Andrea Saemann: Das grüne Feld ist eigentlich museal – erhalten zu Gunsten der Menschen, die hier Erholung suchen. Die einen kommen aus der Stadt hierher, um zu spazieren – andere bauen in der Nähe ihr Haus. Das Land, wie man es hier erlebt, ist ein Ort, der viel mit Wünschen und Erwartungen zu tun hat. Die Häuser sind gebaute Träume.SH: Haben Sie sich deshalb entschlossen, die Nacht zum Thema zu machen?AS: Die Nacht ist ja der Raum schlechthin für Träume. Wir interessieren uns für den Vorgang der Projektion, weil sich da Realität transformieren kann, ein bisschen verrückbarer wird. AZ: Deshalb ist das Kino auch die Leitmetapher unserer Veranstaltungen. Der Kinosaal ist ja eine künstliche Finsternis, wo man sozusagen mit offenen Augen träumt. Wir interpretieren den Nachthimmel als Blackbox für Performances, Ton- und Videoarbeiten. Es ist ein Angebot an das Publikum, die Leinwand zu durchschreiten und die projizierten Bilder direkt zu erfahren, am eigenen Leib, im Eigenheim, in der Agglomeration. Was passiert, wenn man filmische Projektionen auf sich zurückbezieht, seien es Produktionen aus Hollywood oder eigene Träume?SH: Es ist ja eher ungewöhnlich, dass Arbeiten mit Ton oder projizierten Bildern unter freiem Himmel gezeigt werden. Wie sind Sie dabei vorgegangen?AZ: Wir haben sozusagen den kinematographischen Apparat zerlegt. Wir planen drei grosse Wochenenden: eines mit begehbaren fiktiven Filmsets, wo sich Orte in Tatorte verwandeln; dann einen Nachtspaziergang mit eigens komponiertem Soundtrack. Für das letzte Wochenende ist es uns gelungen, Familien als Gastgeber zu gewinnen. Sie leihen uns ihre Hausfassaden als Projektionsflächen von Video- und Diaarbeiten.AS: Das ist übrigens ganz entscheidend für uns: dieses Gespräch vor Ort. So gehört zu unserm fiktiven Kino auch ein Foyer. Der Ausdruck Foyer kommt aus dem Französischen und bedeutet ursprünglich Feuer, Herd, Raum mit Feuerstätte. Das Foyer war im Theater der Raum, wo Schauspieler und Publikum vor den Aufführungen und während der Pausen zusammenkam. Deshalb bauen wir jetzt auch ein Foyer auf dem Feld, wo man uns während der zwei Sommermonate antrifft.SH: Und wie sieht Ihr Foyer aus?AS: Es geht um Information und Kommunikation zwischen dem Publikum und den Kunstschaffenden. Aber es war uns auch wichtig – neben den grossen, den punktuellen Events – die Nacht auch über eine gewisse Dauer hinweg erlebbar zu machen. Deshalb wollen wir befristet tun, was alle rundherum taten: ein Stück Land in Besitz nehmen, um da zu übernachten. Wir haben uns eine Kuhweide ausgeliehen, genau an der Kante zwischen Siedlung und Landwirtschaft. Hier entsteht unsere kleine Schlafstadt: wo die Kunstschaffenden, die Kuratorinnen, aber auch Gäste gemeinsam nächtigen. Die entsprechenden Bauten sind von Künstlern errichtet, die sich für das Skizzenhafte, das Provisorische, das Andeuten und Umfunktionieren interessieren.SH: Eine Art provisorische Künstlerkolonie?AS: Für die Crew des Foyers – Haimo Ganz und Martin Blum als Bauende, Franziska Wüsten und Chris Regn, die unser Tagebuch auf der Webseite führen – und für uns Kuratorinnen war es eine Herausforderung, in einer solchen Halböffentlichkeit zu leben, auch Angriffsflächen zu bieten. Für die auswärtigen Kunstschaffenden bietet das Foyer ganz pragmatisch Unterkunft, dient als mögliche Produktionsstätte. Alexandre Perigot aus Paris, der am Eröffnungswochenende im alten Sonnenbad sein finsteres Fest veranstaltet, wird ja von einer ganzen Crew von Maskenbildnerinnen und Technikern begleitet. Muda Mathis und Sus Zwick bringen bei uns die Performerinnen ihrer nächtlichen Aktion unter. Für die Videoarbeiten haben wir viele eingeladen, die in Basel, Bern oder Genf wohnen und zu Besuch kommen – nicht zuletzt auch, um ihr Werk aufzubauen. Aus dem Ausland werden Adam Chodzko da sein, Monica Bonvicini und Barbara Visser vielleicht – dass Janine Antoni die Zeit findet, würde mich wundern. Wie Sie sehen, rede ich schon wie eine Hotelier, insgesamt sind es ja mehr als 50 Kunstschaffende, die sich für das Projekt engagieren.SH: Offenbar sind auch allerlei Firmen, Familien, Vereine miteinbezogen?AZ: Es gibt schon unglaublich vieles, woran man bei einer solchen Aktion im öffentlichen Raum denken muss: Das reicht vom «Gelegenheitwirtschaftspatent» bis zum Kanalisationsanschluss. Aber wir wollen ja diese Projektionen – die Kunst, die wir zeigen – an die Realität anknüpfen. Wir arbeiten eng mit unsern Veranstaltern, den Kunstvereinen von Binningen, Bottmingen und Reinach zusammen. Ich kann längst nicht mehr unterscheiden, weshalb wir die einzelnen Gastgeberfamilien, Baufirmen, Schulklassen und Zivilschützer jeweils anfragen – wir wollen sie immer zugleich als Sponsoren gewinnen, als Co-Produzenten und als Publikum.


«Helle Nächte» bis 30.9. 24./25.8., Filmsets in Binningen; 7./8.9., Tonspuren in Reinach; 21./22.9., Projektionen in Bottmingen. Infos: +41 (0)61 421 75 51

Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Helle Nächte 01.08.200130.09.2001 Ausstellung
Schweiz
CH
Autor/innen
Samuel Herzog

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