Georg Aerni im Centre de la photographie

Georg Aerni · #1801–3, Shek Kip Mei, Kowloon, 2000, Farbfotografie 124 x 156 cm

Georg Aerni · #1801–3, Shek Kip Mei, Kowloon, 2000, Farbfotografie 124 x 156 cm

Besprechung

Nach Winterthur und Berlin ist die in den Jahren 1999 und 2000 in Hongkong entstandene Bildserie «Slopes und Houses» des Architekten und Fotografen Georg Aerni (*1959) nun in Genf zu sehen, bevor sie ab Ende September im Museum im Bellpark, Kriens, ausgestellt sein wird.

Georg Aerni im Centre de la photographie

Basel ist nicht Zürich, Hongkong nicht Schanghai. Jede Stadt hat ihre architektonische Eigenart, geprägt von ihrer geografischen Lage, von ihrer historischen und soziologischen Entwicklung. Georg Aerni sucht für jedes seiner Stadtporträts eine spezifische Darstellungsform. In Paris fotografierte er ausschliesslich Boulevardfassaden, «Panoramas parisiens», 1995–96, in Barcelona die abgeschrägten Eckgebäude an den Strassenkreuzungen jener Viertel, die nach einem 1859 für die Stadterweiterung erlassenen Bebauungsplan errichtet worden sind, «Xamfrans», 1996–98.

In der Millionenmetropole Hongkong, wo in den vergangenen Jahrzehnten Wolkenkratzer wie Pilze aus dem Boden geschossen sind, zeigen Aernis Fotos, wie mit den schwierigen
topografischen Verhältnissen auf der hügeligen Halbinsel umgegangen wird. Um Bauland zu gewinnen, wird Ufergebiet aufgeschüttet und Urwald gerodet. Die entwaldeten Hänge müssen mit baulichen Massnahmen gegen die Erosion geschützt werden. Etwa 54000 solcher «Slopes» hat die Stadtverwaltung registriert. Was an natürlichem Terrain zwischen den riesigen Gebäudekomplexen übrig geblieben ist, wird in ein künstliches Korsett gesteckt. Manchmal erinnern die mit einer Betonschicht überzogenen Abhänge an eine Mondlandschaft. Bäume wachsen etwas verloren aus kleinen Kratern, zaghaft macht sich Efeu breit. Weniger trostlos wirken die «Slopes», wenn sie nach der Festigung wieder begrünt werden.

Doch Georg Aerni wertet nicht, er hält fest. Diesmal in Farbe. Da wuchert auf einem Hügel ein unförmiges Wohnsilo, dort «verschönert» ein Dachgarten eine öde Häuserschlucht. Raumhohe Inkjet-Prints zeigen eintönige Fassaden mit endlosen Fensterreihen. Menschen sind auf den Fotos selten anzutreffen und wenn, dann zufällig und anonym. Umso mehr fällt die Individualität und Vielfalt der «Slopes» auf, die wie Findlinge aus einer fernen Vergangenheit den Stadtgänger Aerni offensichtlich faszinieren. Einmal ist es ihre Farbigkeit, die er hervorhebt – erdige Brauntöne etwa, die mit zwei rot und rosa getrichenen Wänden eine malerische Symbiose eingehen – dann wieder besticht vielmehr ihre plastische Präsenz. Losgelöst vom städtischen Umfeld entstehen neue Bildwelten von bizarrer Schönheit, Kunst-Landschaften wie der leicht abfallende Hang, der ganz mit hellblau gestreiften Plastikblachen bedeckt ist, oder die von Bäumen bekrönte Böschung hinter einem gitterartigen Bambusgerüst, das nach alter chinesischer Bautradition bei den Stabilisierungsarbeiten verwendet wird. So seltsam es klingen mag, in Hongkong hat Georg Aerni die Natur entdeckt, oder zumindest das, was die Menschen daraus gemacht haben. Mit Katalog (Sonderdruck der Fotozeitschrift «Eikon»).
Bis 21.9. Das Museum im Bellpark Kriens zeigt vom 28.9. bis 24.11. eine Werkübersicht der bisherigen Stadtprojekte (Paris, Barcelona, Hong Kong).

Künstler/innen
Georg Aerni
Autor/innen
Marguerite Menz

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