«GNS – Global Navigation System» im Palais de Tokyo

Wim Delvoye · Atlas 1–9, 2003; Foto: J. E. Sennewald

Wim Delvoye · Atlas 1–9, 2003; Foto: J. E. Sennewald

Besprechung

«Topografie» ist laut Nicolas Bourriaud ein Schlüsselbegriff der Gegenwartskunst. Mit seiner ersten grossen Ausstellung im Palais de Tokyo will dessen Co-Direktor
eine «Topocritique» positionieren. Die gelungene Schau gibt zwischen Dokumentarismus und inspiriertem Karten-Spiel individuelle Navigationshilfen zur Erfahrbarkeit der Welt.

«GNS – Global Navigation System» im Palais de Tokyo

Die Globalisierung frisst ihre Bilder – kaum ein Symbol wird heute so häufig abgebildet wie der Globus. Die blaue Kugel mit den grünen Flecken ist meist überzogen von einem Liniennetz. Es symbolisiert Vermessbarkeit und, wie ein Käfig, auch die Kontrollierbarkeit des Planeten. Im 21. Jahrhundert sind nicht mehr das Subjekt und die Bilder, die sich auf seiner Retina einzeichnen, Zentrum eines Weltbildes, sondern der Globus. Er hat das Auge als Symbol ersetzt. Die Kunst hat an diesem Wandel keinen geringen Anteil. Anders als Satellitenkontrolle und GPS bietet sie Aus- und Nebenwege zur Neuorientierung in der Welt der Bilder an.

So hat Pierre Joseph den Metro-Plan von Paris aus dem Gedächtnis reproduziert. Erfahrungen in und von urbanem Raum, das macht «Mon plan du plan de métro de Paris» deutlich, werden durch individuelle Bilder geprägt. Imagination, das zeigt auch die Gruppe Ocean Earth, bestimmt die Topografie. Und umgekehrt. Die Kontinente ihrer politischen Welt-karte wuchern am Eingang der Ausstellung über die Wand und scheinen den Betrachter, der zu ihnen aufschauen muss, zu verschlucken.

«Die Kunst», so Nicolas Bourriaud, «trägt zur traçabilité, zur «Spurbarkeit» der Phänomene bei.» Vom Gegensatz einer Realität der Geografie zu einer Subversivität der Kunst musste er im Verlauf der Ausstellung abrücken. «Ich bin von den Werken korrigiert worden», sagt er inzwischen, «imaginäre Welten wie die fiktiven Karten von Wim Delvoye, dessen «Atlas» wir zum erstenmal vollständig zeigen, sind Teil der geografischen Realität, nicht deren dialektischer Konkurrent.»

Das macht sie nicht weniger subversiv. Das hervorragende Video der Finnin Laura Horelli über den Bau eines Kreuzfahrtriesen «kartiert» eine soziale Realität. Eine solche Topografie macht Phänomene spur- und spürbar, wendet Ortsfindung zu Orts-Empfinden: «GNS» gelingt es jenseits seiner (kunst)-politischen Ambition, die Symbole, in denen wir die Welt erkennen, als Bestandteil eines kontinuierlichen kreativen Prozesses darzustellen. Katalog 232 Seiten (französisch/englisch) Euro 23.–.

Bis 
06.09.2003

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