Mapping

Ocean Earth · Operation Waterflow, 2003, Ansicht aus der Ausstellung
GNS, Palais de Tokyo, Paris; Foto: Jens E. Sennewald

Ocean Earth · Operation Waterflow, 2003, Ansicht aus der Ausstellung
GNS, Palais de Tokyo, Paris; Foto: Jens E. Sennewald

Milutin Labudovic · Ma’aleh Edumim, Greater Jerusalem, 2002,
Luftaufnahme, Courtesy Peace Now.

Milutin Labudovic · Ma’aleh Edumim, Greater Jerusalem, 2002,
Luftaufnahme, Courtesy Peace Now.

Fokus

Dagmar Reichert · Fünf verschiedene Kunstausstellungen, die sich in verschiedener Hinsicht mit Kartierung, territorialer Festschreibung oder Landkarten beschäftigen, finden derzeit statt. Grund genug für einige Gedanken zum Thema.

Mapping

Kartografie in der Kunst

Mit 5000 Zeichen über Kartierung zu schreiben ist wie eine Karte der Schweiz für einen Taschenkalender zu zeichnen, 2.500.000: 1, die Alpen zwischen Thun und Brig auf 14 mm Länge generalisieren. Dafür gibt es keinen Computeralgorithmus. Obwohl in der Kartenherstellung viele technische Verfahren eingesetzt werden, benötigt Generalisierung die Kunst situationsabhängiger Abstraktion und das kulturelle Wissen guter Karrikaturisten. Kartographie ist immer auch Kunst. Und der kartierende Blick, scheinbarer Prototyp interesselos distanzierter Weltbetrachtung, ist immer schon eingebunden in spezifische gesellschaftliche Sichtweisen.

Was aber, abgesehen davon, ist «kartieren» noch? Herstellen eines Bildes der Welt: nicht irgendeines, eines autorisierten Bildes. Autorisiert durch eine Gesellschaft, die sich damit eine gemeinsame Orientierung zu geben versucht. Eine Grundlage, auf der man sich finden möchte, auf der man hofft, territoriale Ansprüche zu regeln – «dies ist das Siedlungsgebiet der Palästinenser, hier beginnt Israel?» –, das Papier auf dessen Basis man Kriege führt.

Die Karte, das sind zunächst Linien (Unterscheidungen) und Namen (Bezeichnungen). Als Darstellung eindeutiger Unterscheidungen und widerspruchsfreier Bezeichnungen ist sie ein Inbegriff wissenschaftlicher Rationalität. Wissenschaftliches Denken ist topo-logisches Denken, Wissenschaft ist Kartographie. (Und das so sehr, dass sich beispielsweise G. Bachelard fragen kann, ob jemand Metaphysik betreiben könnte, könnte er nicht zeichnen.)

Doch noch bevor auf der Karte Linien gezogen und Namen notiert werden, ist Macht schon in sie eingeschrieben (damit gleicht sie anderen Gründungsakten von Kultur). Entscheidungsmacht steckt im Signaturenschlüssel und der darin implizierten Ontologie (Wann ist ein Zelt ein Haus?) und insbesondere in der Festlegung von Hauptrichtung (Wie ist die Karte selbst zu orientieren?), Koordinaten- und Projektionssystem, in der Setzung des Massstabes und des Randes der Karte, kurz in all jenem, das hinzugefügt werden muss, wenn man die Welt um eine Dimension reduziert.

Kartographie als Wissenschaft, Kartographie als Kunst, eindeutige, gesellschaftlich autorisierte Unterscheidungen, die doch letztlich mit allgemeinen Regeln nicht zu fassen sind, ? viele grundlegende Paradoxien sind in der Karte verkörpert. Berücksichtigt man noch ihre Verknüpfung mit Macht – kein Wunder ist Kartierung, sind Landkarten ein Thema für KünstlerInnen. Und das nicht erst heute. Selbst ohne an Künstlergelehrte der Renaissance zu denken (an die enge Beziehung zwischen der Wiederentdeckung der antiken, ptolemäischen Kartographie und der Entwicklung der Perspektive in der Renaissance, an Leon Battista Alberti und seine kreisförmige Karte Roms?), selbst ohne sich im Wiener Kunsthistorischen Museum davon zu überzeugen, dass Jan Vermeer seine «Malkunst» vor dem Hintergrund einer Landkarte entwickelte?: die aktuellen Referenzen auf Kartographie finden ihre Vorläufer auch in Arbeiten so verschiedener moderner KünstlerInnen wie Ellsworth Kelly, Yves Klein, Joseph Cornell, Nancy Holt, Guy Debors oder Robert Smithson (sie alle gezeigt an der 1994er «Mapping» Ausstellung des New Yorker Museum of Modern Art). Doch in welcher Weise genau wird heute auf Kartographie rekurriert?

Ich sehe fünf verschiedene Weisen, in denen sich künstlerische Arbeiten auf Kartographie und Karten beziehen (sicher gibt es noch mehr), idealtypisch allesamt:
Manche KünstlerInnen benutzen Landkarten um ihre Tätigkeiten zu verorten und zu dokumentieren. Obwohl vielfach mit politischer Intention (z.B. New Public Art), richten sie ihre Kritik nicht gegen die innere Politik in der Darstellungsform bestimmter Karten, sondern machen sich deren Rhetorik für andere Kritik zunutze.

Andere künstlerische Arbeiten beziehen sich auf Landkarten als Paradigmen der Repräsentation, um deren kulturell einseitige Blickwinkel zu vervielfältigen und zu verschieben (beispielsweise Richard Buckminster Fullers «Dymaxion Airocean World»). Sie verdeutlichen so die «Krise» (oder viel mehr das endliche Ende?) der traditionellen Formen von Repräsentation in einer multikulturalen, multizentrischen Welt.

In wieder andere Richtung lassen sich künstlerische Bezugnahmen auf Karten lesen, die weniger deren kartographische Konstruktion, als die kartierten Inhalte variieren. Neue Verbindungen und neue Grenzen werden gezogen, Territorien verflüssigt (beispielsweise in Mona Hatoums Installation in der Kunsthalle Basel, 1998) und damit vielleicht eine Welt reflektiert, die um ihre Verletzlichkeit weiss oder in der das kaum mehr als 200 Jahre alte Zusammenfallen von Staat, Nation und Territorium seine Selbstverständlichkeit verliert.

Eine weitere künstlerische Bezugnahme auf Kartographie mag auf ihr Raumkonzept abzielen, auf den homogenen, kontinuierlichen, isotrophen Raum der Euklidischen Geometrie, der ihr und der westlichen Technikkultur zugrundeliegt. KünstlerInnen machen ihn sichtbar oder entwerfen Karten auf der Basis alternativer, eher an körperlicher und emotionaler Erfahrung orientierter Raumkonzepte (schon die Karten der Situationisten sind so zu lesen).

Eine fünfte Weise, in der KünstlerInnen mit Kartographie arbeiten, scheint mir persönlich die spannendste: sie will das Verhältnis von Festschreibbarem und nicht Festschreibbarem erkunden. Dazu eignet sich die Kartographie besonders, denn obwohl es in Wissenschaft und Kunst immer auch um dieses Verhältnis geht, geht es in der Kartographie immer zentral darum. Deshalb wohl hat Robert Smithson gezeigt, wie der Mono Lake auf einer geographischen Karte zugleich verortet, wie auch nicht verortet werden kann: «(T)he site is an unfocused fringe where your mind looses its boundaries.». Damit dient die Kartographie dazu, sich daran zu erinnern, was häufig das Schwerste ist, nämlich, in Wittgensteins Worten, «die Unbestimmtheit richtig und unverfälscht zum Ausdruck zu bringen».

Institutionen Land Ort
Im OÖ Kulturquartier Österreich Linz
Palais de Tokyo Frankreich Paris
Künstler/innen
Milutin Labudovic
Ocean Earth
Autor/innen
Dagmar Reichert

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