Trésors publics – 20 Jahre FRAC

Chris Burden · Another World, 1992, Installation avec du mouvement, aus der Ausstellung «Je revais d’un autre monde: Architectures et Arts plastiques», Strasbourg,
Palais du Rhin, Strasbourg, Collection FRAC Languedoc-Roussillon, © D.R.

Chris Burden · Another World, 1992, Installation avec du mouvement, aus der Ausstellung «Je revais d’un autre monde: Architectures et Arts plastiques», Strasbourg,
Palais du Rhin, Strasbourg, Collection FRAC Languedoc-Roussillon, © D.R.

Besprechung

Global denken, lokal einkaufen: mit der Ausstellung ihrer «Trésors publics» feiern die FRAC (Fonds régionaux d’art contemporain) ihr zwanzigjähriges Bestehen. Das grösste Ereignis in Frankreichs Ausstellungsgeschichte lässt regionale Besonderheiten und seltene Schmuckstücke entdecken. 15 Ausstellungen in Arles, Avignon, Nantes und Strasbourg bieten einen historischen Überblick über die wichtigsten Positionen der zeitgenössischen Kunst seit 1960.

Trésors publics – 20 Jahre FRAC

Gespenster gehen um. Fast zwei Meter grosse weisse Laken mit ovalen schwarzen Augen. Sie sitzen in Micky-Maus-Autos oder tragen Zylinder. Einige drängen sich mit kreiselnden Augen um einen riesigen weissen Kraken, der aus einem Tresor Geldsäcke verteilt. Die gierigen Geister gehören zu Alain Séchas’ Installation «La Pieuvre», 1990. Ihr Treiben unter
marmornen Gedenktafeln und Trikoloren des Rathauses von Avignon ist Sinnbild für das sommerliche Gross-Event «Trésors publics». Wie ein Krake haben die FRAC seit ihrer Gründung grosse Schätze angehäuft. Jetzt werden sie dem staunenden Publikum präsentiert, denn zum Auftrag gehört auch die Vermittlung der Kunstwerte an die französische Provinz.

Auf den ersten Blick wirken die Ausstellungen der FRAC «hypercontemporain». Sie sind «weniger experimentell als denkmalssetzend, weniger radikal, als Radikalität simulierend», wie Éric Alliez im Katalog Paul Ardenne zitiert. Die «Trésors publics» setzen der französischen Kulturpolitik ein Denkmal. Hauptmäzen ist, daran erinnert die kleine ironische Ambivalenz zwischen «öffentlichen Schätzen» und «Finanzamt», die öffentliche Hand. Die hält auch Kritik bereit. Nicht wenige Künstler fordern mehr Partizipation, wollen die Sammlungsgelder für Ateliers und direkte Förderung genutzt sehen.

Auch das gehört bereits zu den Aufgaben der FRAC und nach dem Geburtstag will man sich ihr verstärkt widmen. Bisher haben die Sammelmaschinen vor allem der internationalen Kunstgeschichte seit 1960 einen grossen Dienst erwiesen. Für die Direktoren der FRAC oftmals ein Kampf gegen provinzielle Windmühlen. Mitte der Neunziger war nicht jeder conseil municipal Avignons vom Wert der Schrottskulptur Tony Craggs überzeugt. Heute ist man einstimmig stolz, zu den ersten Cragg-Sammlern gehört zu haben.

Unternimmt der Kunstliebhaber diesen Sommer die Reise durch Frankreich, kann er die Früchte regionaler Überzeugungsarbeit bestaunen. Die Riesen-Ausstellung «L’état des choses» in Nantes erfreut mit Schmuckstücken wie Richard Fugnets Glasménagerie «o.T.», 1995, oder Paul McCarthys «Colonial Tea Cup», 1987, und ermüdet zugleich mit ihrer Unzahl teils riesiger Objekte. Die FRAC wollen zeigen, was sie haben. Manchmal gerät das zu Protz. In Strasbourg wurden daraus feinsinnige thematische Arrangements.

Der Reisende kann die elsässische Metropole vom Kunst-Parcours aus kennen- und neu eröffnete Orte schätzen lernen. Die Schau «Du côté de chez soi» in der frisch eröffneten Villa Greiner gibt mit Arbeiten wie John Currins «Sociology professor», 1992, oder Urs Lüthis «Tell me who stole your smile», 1974, die künstlerische Diskussion des Menschenbildes zu bedenken. Mit der «Chaufferie» hat Absalons «Dispositions» einen würdigen Schrein erhalten. Im Musée d’art moderne et contemporain bietet «Bandes à part» Querverbindungen zwischen Kino und Kunst. Arbeiten wie Christian Boltanskis «La visite du docteur», 1975, oder Dominique Gonzales-Foersters «Ann Lee in Anzen Zone», 2000, zeigen die Aufnahme des Kinos in der Malerei und dessen ironische Brechungen.

Mögen auch die Künstler durch die Bank bekannt sein – fast alle kann man auch in den grossen Museen der Welt sehen –, so sind es die mit äusserst sicherem Auge gesammelten, selten gesehenen Schmuckstücke, die diesen Sommer in Frankreichs regionalen Metropolen Lust auf Kunst(geschichte) machen.

Mit Katalog (464 Seiten, mit CD-Rom, die Abbildungen aller 1000 ausgestellten Werke enthält, bei Flammarion, Euro 38.–/Fr. 58.90) und Informationen und Details zu den über 200 Ereignissen in 23 Regionen der Ausstellung «Détours de France» unter www.les20ansdesfracs.culture.fr.

Was sind die FRAC? 1983 unter dem damaligen Kulturminister Jack Lang gegründet, sollten die Fonds régionaux d’art contemporain der Dezentralisierung französischer Kultur dienen. Zum Teil durch den Staat, zum Teil durch die Regionen finanziert, sind die Direktoren der FRAC weitestgehend autonom in ihrer Sammlungspolitik. Sie werden bei der Auswahl durch einen Beirat unterstützt, der aus Kritikern und Professionellen der Kunstszene besteht (selten Künstler). Neben ihrer Aufgabe, internationale Kunst seit 1960 zu sammeln (bisher rund 15.000 Werke von 3.000 Künstlern), kümmern sich die FRAC um deren Vermittlung durch pädagogische Massnahmen, beispielsweise Fortbildungen für Kunstlehrer oder junge Kuratoren. Die FRAC der «zweiten Generation» sollen ab 2004 noch mehr, vor allem finanzielle Unabhängigkeit erlangen: Paris wird sich teilweise als Geldgeber zurückziehen, man will mehr Mäzene einbinden. Zahlreiche FRAC erhalten erstmals eigene Häuser, einige bauen die Kooperation mit Künstlern aus.

Trésors publics – die Ausstellungen:
Strasbourg: «Bandes à part», Musée d’art moderne et contemporain, 1 place Hans-Jean Arp, bis 12.10.

«Du côté de chez soi», Villa Greiner, 2 av. de la Marseillaise, bis 12.10.
Absalon, «Dispositions», La Chaufferie, 5 rue de la manufacture des tabacs, bis 5.10.
«Paysages», CEEAC, 7 rue de l’Abreuvoir, bis 5.10.
«Je rêvais d’un autre monde», Palais du Rhin,
2 place de la Republique, bis 12.9.

Nantes: «L’état des choses», Musée des Beaux-Arts, 10 rue Georges Clemenceau, bis 12.10.
Peter Fischli und David Weiss, Chapelle de l’Oratoire, Place de l’Oratoire, bis 12.10.
«Un tableau dans le décor», Château des Ducs de Bretagne, 4 place Marc-Elder, bis 12.10.
Daniel Buren, «Chemin faisant», in situ-Arbeit in Nantes, bis 15.10.
Peter Kogler und Franz West, Galerie de l’Ecole Régionale des Beaux-Arts, 5 rue Fénélon, bis 14.9. 5 installations pour le Lieu Unique, Le Lieu Unique, 2 rue de la biscuiterie, bis 21.9.

Avignon: «Esprits des lieux», Palais des Papes, Place du Palais, bis 12.10.
Claude Lévêque, Chapelle Saint-Charles, rue Saint-Charles, bis 12.10.

«Faits et gestes. Dispositifs d’exposition», Ateliers SNCF, bvd. Victor Hugo und Espace Henri Comte, rue du plan de la cour.

Bis 
14.09.2003
Institutionenabsteigend sortieren Land Ort
Ateliers SNCF Frankreich Arles
Chapelle Saint-Charles Frankreich Avignon
Chapelle Sainte-Anne Frankreich Arles
Le Lieu Unique Frankreich Nantes
Musée d'art moderne et contemporain Strasbourg Frankreich Strasbourg
Musée des Beaux-Arts Nantes Frankreich Nantes
Palais des Papes Frankreich Avignon
Mehr...

Werbung