Albert Oehlen im Musée cantonal des Beaux-Arts

Albert Oehlen · Jena, 1985, Öl auf Leinwand, 300 x 210 cm, Sammlung Landesbank Baden-Württemberg

Albert Oehlen · Jena, 1985, Öl auf Leinwand, 300 x 210 cm, Sammlung Landesbank Baden-Württemberg

Besprechung

Mit Albert Oehlen stellt das Musée Cantonal des Beaux-Arts eine malende Urnatur vor - eine Retrospektive, die ebenso als Wieder- wie als Neubegegnung Potenzial hat.

Albert Oehlen im Musée cantonal des Beaux-Arts

Albert Oehlen (*1954 in Krefeld), der mittlerweile vorzugsweise im schweizerischen Appenzell sowie in Spanien lebt, gehört zusammen mit Martin Kippenberger und Werner Büttner zu einer Generation von Malern, die lange als «Junge Wilde» frischen Wind, subversive Energie und ein ungetrübtes Selbstbewusstsein in die Kunstszene trugen. Oehlens Ausstellungstitel wie «Der Ritt der Sieben Nutten» oder «Terminale Erfrischung» versprachen einiges und boten eine Begegnung mit einem Maler, der sich selbst als «fröhlichen Berserker» bezeichnet hat. Malerei ist dabei nebst Collage, Mosaik, Musik, Text nur ein Medium von vielen, mit denen er sich über die Jahre intensiv befasst hat. Dass seine Gemälde bis heute kaum an Intensität eingebüsst haben, macht die jetzige umfassende Retrospektive deutlich, die in ihrer bewussten Reduktion auf die Malerei und in der musealen Präsentation direkt nobel wirkt. Hier geht es um einen Malerfürsten, der weder vor grossen Themen noch vor üppigen Formaten zurückschreckt. Und doch, so affirmativ der Auftritt, so kokett entziehen sich die Gemälde jeder inhaltlichen Festlegung. Und - als deutliches Zeichen, dass dies System hat ? liess der Künstlerkollege Heimo Zobernig einen Raum in farbschluckendem Rot ausleuchten. Eine kühne Geste, denn in der Auslöschung wird der Betrachter für die Farben mitten im Ausstellungsparcours frisch sensibilisiert: für die braunen Erdtöne, die gekoppelt mit Titeln wie «Ofen» oder «Daheim» eine vage Referenz an das Nachkriegsdeutschland geben oder für das kalte dreckige Eisgrau in «Jena», mit einem haarfeinen Stacheldrahtzaun, der wie eine Girlande über die ganze Bildfläche und ein Profil in Nahaufnahme schlenkert. Wirklich konkret jedoch wird der Zeitbezug in keinem der Bilder. So ist es denn nur folgerichtig, dass Oehlen die Retrospektive als «Selbstportait mit 50millionenfacher Lichtgeschwindigkeit» betitelt. Eine energetische Gegenwart, welche Erinnerungsbilder aus der Geschichte oder dem eigenen Erleben nur als synkopische Einblendungen im Allover einer sich ständig neu durchdringenden und auflösenden Gegenständlichkeit duldet.

Tizian - Oehlen - Strindberg, eine wahrlich illustre Kette, mit welcher der Kurator Ralf Beil seinen Bogen im äusserst lesenswerten Katalog vom venezianischen Cinquecento bis in die Gegenwart schlägt. Erhellend ist seine Gegenüberstellung von Tizians «Danae» als mythisch reine Lichtgestalt und Oehlens Ästhetik der Verunreinigung. Einsichtig ist auch der abgedruckte Text von August Strindberg von 1894, dessen glasklare Überlegungen zur Malerei sich beinahe eins zu eins in die Gegenwart übertragen lassen.

Anschliessend im Domus Artium in Salamanca (9.12.-30.1.) und in der Kunsthalle Nürnberg (28.4.?28.6.2005). Katalog d/f, Fr. 55.--.

Bis 
04.09.2004

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