«Populism» im Kunstverein

Marc Bijl · The party is over, 2003, Courtesy Upstream Gallery Amsterdam

Marc Bijl · The party is over, 2003, Courtesy Upstream Gallery Amsterdam

Besprechung

Als politische Strategie ist Populismus ebenso prekär wie beliebt - und gerade in jüngerer Zeit wieder vermehrt in die Schlagzeilen geraten. Wer vor diesem Hintergrund ein Ausstellungsprojekt zum Thema lanciert, gerät daher schnell selbst unter Populismus-Verdacht.

«Populism» im Kunstverein

Den Kuratoren des vom Nordic Institute for Contemporary Art (NICFA) in Helsinki lancierten und zusammen mit Contemporary Art Center in Vilnius, dem National Museum of Art, Architecture and Design in Oslo, dem Stedelijk Museum in Amsterdam und dem Frankfurter Kunstverein realisierten Projekts dürfte das durchaus klar gewesen sein. Wohl nicht von ungefähr betonen sie, dass sich das Phänomen als solches einer präzisen Definition verweigere. Denn wenngleich sie versuchen, ein breites Spektrum möglicher Annäherungen aufzufächern, ist der Populismusfalle als solcher kaum zu entgehen: Schliesslich entspricht es dem populären Bild von zeitgenössischer Kunst, dass sie «kritisch» und «politisch» zu sein habe - und dies dann möglichst populistisch zu vermitteln, gehört zu den Routinen eines auf Besucherzahlen schielenden Betriebssystems.

Daher also die Flucht nach vorn: mit einer bunten Präsentation, die von so vielen KünstlerInnen mit so unterschiedlichen Arbeiten bestritten wird, dass einfach für jede/n etwas dabei sein muss, einer kostenlosen Ausstellungszeitung, «The Populist», mit Texten, welche brav den Bogen zum Thema schlagen, einem Theorie-Reader mit Essays und natürlich auch mit einem Shop, in dem für vergleichsweise wenig Geld die üblichen Kunstaktivismus-Devotionalien (Poster, Buttons, T-Shirts und Baumwolltragetaschen) zu erstehen sind. Kurzum: Die ganze Klaviatur der üblichen Standards ? nur, dass sie in diesem Fall als inhärenter Teil der Schau und Umsetzung des Themas verstanden werden kann.

Mit einem ähnlichen Spagat schafft es die Ausstellung, aus dem Unvermeidlichen das Beste zu machen. Die gezeigten Arbeiten zeichnen sich mehrheitlich dadurch aus, dass sie weniger selbst auf Populismus setzen als dessen Strategien analysieren. Jeremy Dellers «Memory Bucket» etwa, eine kluge Film-Collage aus der Bush-Heimat Texas, die jenseits sowohl der Agitprop-Rhetorik als auch des nationalistischen Verklärungspathos funktioniert, auf deren Bilder sie setzt. Wenn Milica Tomic wohlhabende Bürger Passagen aus Marx' «Kapital» lesen lässt, entsteht ebenfalls eine interessante Oszillation: Überzeugt die Argumentation unabhängig von ihrem Kontext? Entblösst sie die Vortragenden - oder den Text als selbstgefällige Theorie?
Es gelingt zwar weder, dröge Didaktik ganz zu vermeiden (Nicolas Trembleys Video-Doku zur Pariser Ausstellung von Thomas Hirschhorn), noch moralisierendes Pathos zu umschiffen (der knöchelhoch mit Talkumpuder gefüllte und nach Gas riechende Raum von Cildo Meireles). Und mit gleich mehreren Arbeiten von Marc Bijl erhält leider auch die «One Liner»-Fraktion einigen Raum.

Das ist verständlich: Ein wenig Kunstbetriebs-Populismus muss wohl auch einer Ausstellung zum Thema gestattet sein, der es ansonsten ganz gut gelingt, zwischen Skylla und Charybdis zu navigieren. Und die ihre Flucht nach vorn schon am Eingang ziemlich selbstbewusst markiert: Zum Redaktionsschluss zeigte der von Superflex über dem Eingang zum Frankfurter Kunstverein installierte Besucher-Zähler gerade mal 5444 an. Ob das nun viel oder wenig ist für eine solche Schau an diesem Ort - die Geste stimmt in ihrem stumpfen und zugleich entgegenkommenden Sinn. Katalog in Vorbereitung.

Bis 
03.09.2005

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