«translation« im Palais de Tokyo

Cai Guo-Qiang · The Dragon has arrived, 1997, Translation, Palais de Tokyo, Foto: texte&tendenzen

Cai Guo-Qiang · The Dragon has arrived, 1997, Translation, Palais de Tokyo, Foto: texte&tendenzen

Besprechung

Er zieht alle Register kinematografischer Dramaturgie: Shirin Neshats Film «Passage« aus dem Jahr 2001. In einer Art Fernsehzimmer präsentiert, bietet er visuelle Konzentration, wo sonst Ablenkung herrscht. Am Schluss läuft ein Feuerstreifen durch das Bild - roter Faden für «translation«. Die mit Kunst-Grafik kombinierten Werke aus der Sammlung Dakis Joannou sind die Abschiedserzählung der scheidenden Direktoren des Palais de Tokyo, Jérôme Sans und Nicolas Bourriaud. Im kuratorischen Konzept kulminiert die Tendenz zu Kino-Ästhetiken Das ergibt gelungene Szenen, die teils zum Kintopp abflachen.

«translation« im Palais de Tokyo

Cineastische Narration, so bestätigte Jérôme Sans am Rande der ART Basel, wird auch Leitfaden der kommenden Lyon Biennale, kuratiert vom Pariser Dream-Team. «Kuratoren sind wie die Erzähler im Stammesverband«, meint Sans, «sie erzählen die immer gleiche Geschichte immer wieder neu.« Mit Co-Kurator Marc Sanchez habe man in Paris eine «visuelle Oper« geschaffen, für eine «andere Globalisierung« gegen Vereinheitlichung und für eine neu verstandene Modernität.

Im Palais de Tokyo ist zunächst eine barocke Fusion aus Werbeästhetik und Kunst-Marketing zu sehen. Die Grafik-Designer M/M (Michael Amzalag und Mathias Augustyniak), weltweit bekannt durch ihre Grafik-Arbeiten für Björk, haben in einem Parcours aus Einzelräumen jeweils ein Werk der Sammlung mit ihren Plakaten kombiniert.

Das ergibt bisweilen gelungene «Stills«, so Cai Guo-Qiangs Holzraumschiff, dessen ironischer Flug für die Kulturrevolution im M/M-Paradies noch eine Umdrehung zulegt. Oder Yinka Shonibares buntes Kleid, wie zuhause zwischen grafisch deformierten Mannequin-Gesichtern. Auch Nari Wards schrottreife Kinderwagen in «amazing Grace« bekommen mit den inhaltlich aus Obrist/Nesbits «Utopia Station« entnommenen Utopie-Definitionen noch eine Nuance mehr Ironie. Doch meist haben die Kunstwerke es schwer im grafisch tapezierten Umraum. Kara Walker, gerade mit ihren bittersüssen Scherenschnitten in Venedig zu sehen, wird von M/Ms Riesen-Bildbeschriftung übertönt. Und ob man dem hypnotisierenden Palast-Défilé von Vanessa Beecroft einen Gefallen tut, wenn man es auf Calvin-Klein-Plakate hängt, sei dahingestellt. Beecroft kommt wie Jeff Koons, dem ein etwas abgeschiedener Raum gewidmet wurde, dagegen an. Leisere, weniger mit dem visuellen Pop-Effekt arbeitende Künstler werden im Grafik-Gewitter erdrückt.

Die Idee von «translation«, Übertragungsbewegungen in einem cineastisch ausformulierten Ausstellungsraum in Gang zu bringen, ist eine spannende Antwort auf die aktuelle Frage nach Möglichkeiten und Grenzen der Kunst-Ausstellung. Sie schärft den Blick für Schwächen und Abgründe der visuellen Strategien. Diese bei aller Appropriation nicht zu wiederholen, sondern auf kritische Distanz zu bringen, bleibt Aufgabe kommender kuratorischer Regieleistungen.

Bis 
17.09.2005

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