Zuoz: «Skyspace» von James Turrell beim Hotel Castell

Kunst am Bau

Zuoz: «Skyspace» von James Turrell beim Hotel Castell

«Das Rhoden-Crater-Projekt gehört zu den wenigen Dingen, die realisiert werden müssen, um zu beweisen, dass das Licht im menschlichen Geist nicht erloschen ist.» So hatte sich der italienische Sammler Giuseppe Panza di Biumo anlässlich einer Ausstellung von James Turrell 1985 in Los Angeles geäussert. Mittlerweile hat der kalifornische Lichtkünstler den «Rhoden Crater» längst gestalterisch in Besitz genommen. Und die dortigen Erfahrungen mit Himmelsphänomenen und mit dem Bau von Observatorien fliessen seither in seine weltweit realisierten Kunstprojekte ein. Turrell hatte damals die Kratermündung zu einem perfekten Kreis ausbaggern lassen, um den idealen Beobachterstandpunkt zu schaffen, von dem aus das Gesichtsfeld durch einen Wall kreisrund begrenzt ist. Dabei stellte er fest, dass sich die Einschränkung des visuellen Feldes unmittelbar auf die Wahrnehmung auswirkt und dazu führt, dass beim Blick nach oben der Himmel wie eine gewaltige aufgespannte Kuppel erscheint.

Bis heute hat Turrell in den unterschiedlichsten Weltgegenden diverse «Skyspaces» realisiert, Räume denen die Decke fehlt und die so einen vergleichbaren, klar gelenkten Blick in den Himmel bieten.

Wer je eines dieser Observatorien besucht hat, wird dieses Erlebnis nicht vergessen. Der Ausblick ist atemberaubend - eine Primärerfahrung, die uns etwas Urvertrautes plötzlich wieder neu vor Augen führt. Dafür werden wir zukünftig nicht mehr nach Arizona reisen müssen, eine Zugfahrkarte nach Zuoz reicht. Denn die Walter A. Bechtler-Stiftung hat James Turrell nun eingeladen, in Zuoz neben dem unter Denkmalschutz stehenden Hotel Castell (erbaut 1912) einen «Skyspace» zu realisieren. Der Turm mit der offenen Decke ist ein mächtiges solides Bauwerk, welches gerade durch seine materielle Schwere einen kontrastreichen Gegenpol zur Transzendenz des Lichtes bietet. Die Erfahrung scheint bedeutend greifbarer als in Yoko Onos aus Papier ausgeschnittenem «Whole to see the sky through». Durch die runde Deckenöffnung wird das Licht so gebündelt, dass die energetischen Schwingungen beinahe materiell verdichtet und sinnlich erfahrbar werden. Je nach atmosphärischen Schwankungen ändern sich die Farben und die Intensität der einfallenden Lichtstrahlen. Doch gleichzeitig wird deutlich, dass die Wahrnehmung des Lichtes nicht nur von der physikalischen Brechung der Strahlen abhängt, sondern ebenso sehr von der individuellen Sensibilität und Stimmung der Beobachter.

Die Ausrichtung der Eingangsachse des Zuozer «Skyspace» auf den «Piz Uter» - den «Altarberg», wie dieser sinnigerweise heisst - garantiert dessen Verankerung in der Engadiner Landschaft. Die klare Begrenzung des Blickfeldes führt dazu, dass der Himmel wie zu Kinderzeiten als ein schützendes und gleichzeitig unendlich grosses Zelt wahrgenommen wird - eine Weite, die sich in Bezug auf die durch den Bau definierte Massstäblichkeit noch stärker auszudehnen scheint.

Die Walter A. Bechtler-Stiftung setzt damit ihrer langjährigen Tätigkeit einmal mehr ein markantes Glanzlicht auf. Gleichzeitig erhält das in Kunstkreisen bereits bestens bekannte Hotel Castell nebst der Terrasse und dem Felsenbad von Tadashi Kawamata sowie der roten Bar von Gabriele Hächler & Pipilotti Rist einen weiteren hochkarätigen baulichen Akzent. Ebenso anregend sind jedoch auch die zahlreichen kleineren und grösseren Werkgruppen, die uns verteilt durch alle Stockwerke überraschend begegnen von Peter Fischli / David Weiss, Roman Signer, Martin Senn, Mickri 3, Peter Regli, David Renggli, Carsten Höller, Johanna Dahm und vielen mehr.

Für geistigen Mehrwert ist bei einem Besuch also auf alle Fälle gesorgt. Körperliche Regeneration bieten der hauseigene Hamam (der erste Hotel-Hamam der Schweiz) sowie die teils von den Architekten des Amsterdamer «UN Studios» mit Seefahrer-Weitblick, teils vom St. Morizer Hans-Jörg Ruch mit helvetischer Klarheit sanierten Hotelzimmer.

Treibende Kraft hinter dem Ganzen ist Ruedi Bechtler, Künstler, Kunstsammler und Präsident der Walter A. Bechtler-Stiftung. Er ist Hauptaktionär des Hotels und hat dieses zusammen mit den Galeristen Hauser & Wirth, Zürich, in ein modernes professionelles Unternehmen überführt.

Der Kunstvirus breitet sich mittlerweile in der Talschaft weiter aus. So läuft seit 2002 das Projekt «Public Plaiv», welches in Zusammenarbeit mit der Hochschle für Gestaltung und Kunst in Zürich, der Walter A.Bechtler-Stiftung und weiteren Partnern diverse Kunstprojekte im öffentlichen Raum realisiert. Dazu gehört die vor kurzem im Wartsaal des Bahnhofes Madulain aufgestellte Vitrine der walisischen Künstlerin Bethan Huws und ihr dort in regelmässigen Zeitabständen gezeigtes Video über traditionelle Bauten, gefilmt in und um Madulain.

Mit der Einweihung des Skyspaces am 27./28. August von James Turrell wird gleichzeitig der 50. Geburtstag der Walter A. Bechtler-Stiftung gefeiert. Die Eröffnung in Anwesenheit des Künstlers findet im Rahmen eines «art weekends» statt. Darüber hinaus wird der Filmer und Performer Klaus Lutz die Gäste an diesem Wochenende zu einer Vorführung seines «Vulcan Projects» ins Felsenbad laden.

Autor/innen
Claudia Jolles

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