Andres Fischer Muñoz in der Galerie Béatrice Brunner

Andres Fischer MuÑoz · Maria an Deuxchevs, Öl auf Leinwand, 228,6 x 116,8 cm

Andres Fischer MuÑoz · Maria an Deuxchevs, Öl auf Leinwand, 228,6 x 116,8 cm

Besprechung

In seiner ersten Einzelausstellung in der Schweiz konfrontiert Andres Fischer Muñoz (*1965) den Betrachter mit grossformatigen Doppelporträts, die ihn aus dem Nichts heraus zu betrachten und zu befragen scheinen.

Andres Fischer Muñoz in der Galerie Béatrice Brunner

Vertrautes Doppel oder zweisam einsam? Andres Fischer Muñoz gibt keine verlässliche Auskunft darüber, wie sich die Dargestellten auf seinen Ölbildern zueinander verhalten. Der kolumbianische Künstler gestaltet Paare in raumgreifenden Doppelporträts mit sehr viel Distanz. Die Porträtierten wirken singulär. Ihr Blick geht zum Betrachter. Seit fünf Jahren arbeitet Fischer Muñoz an der Serie «Couples/Parejas». Angeregt hat ihn die Beobachtung von Paaren auf öffentlichen Plätzen in New York, ihr Verhalten zwischen Zuneigung und Abgrenzung. Was ist Liebe? Was ist eine Beziehung? Fischer Muñoz suchte Antworten in der philosophischen Literatur und gelangte durch Schriften von Robert Nozick und Bennett Helm zu der Idee des «Wir» als einer eigenen Person mit eigenen Erfahrungen, in der die Einzelwesen des Paares weitgehend aufgehen. Ist die Suche nach dem «Wir» zu Beginn der Liebe meist gross, so kennen erfahrenere Paare die gegensätzlichen Bedürfnisse nach Verschmelzung und Abgrenzung, nach Individualität in der engen Liebesgemeinschaft. Danach sucht auch Fischer Muñoz. Seine knapp lebensgrossen Brustbilder entstehen nach Fotos, die er frühmorgens aufnimmt, kurz nach dem Erwachen der Paare, um Porträts von ungekünstelter Intimität zu erhalten. Nach diesen Fotos malt Fischer die Paare in einem technisch anspruchsvollen Realismus, der nicht die glatte Oberfläche des Fotorealismus anstrebt, sondern den reizvollen Kontrast zwischen der illusionären Glätte und Geschlossenheit, die man aus der Ferne wahrnimmt, und den Pinselspuren, der Kleinteiligkeit, die sich bei nahem Betrachten zeigen. Damit variiert Fischer Muñoz den Gegensatz Einheit-Einzelheit auf der Materialebene und verweist zugleich auf die Bedeutung, die Malerei für ihn hat. Als er Anfang der 1990er-Jahre während des Studiums an der Art Students League New York seine Faszination für die Malerei entdeckte, galt diese als passé. In einem Interview der New York Times mit Gerhard Richter fand er den Satz, den er sich zum Motto machte: «Painting is dead, but who cares?»

Dem illusionistischen Charakter der meisterlich modulierten Porträts widerspricht auch der Verzicht auf jedes Rahmendekor: Fischer Muñoz? Figuren erscheinen auf weissen Leinwänden, in einem artifziellen leeren Raum. Dieser White Space, vor dem die Figuren erscheinen, verstärkt das Gefühl des Distanzierten, des Herausgelösten: Die Figuren wirken, als seien sie aus einem Bildzusammenhang herausgeschnitten. Für Fischer Muñoz ist dieses Nichts eine radikale, moderne Form, jenen weissen Dunst umzusetzen, vor dem Caspar David Friedrichs berühmte Rückenfigur, «Der Wanderer über dem Nebelmeer», 1817, als suchendes Individuum einer symbolhaft verschleierten Weite gegenüber steht. Trägt Friedrichs Wanderer seine Gedanken in eine überhöhte Natur, so scheinen Fischer Muñoz? Figuren ihre Fragen an den Betrachter zu richten. Nicht der Betrachter befragt das Bild, sondern das Bild befragt den Betrachter.

Bis 
22.09.2006
Künstler/innen
Andres Fischer Muñoz
Autor/innen
Alice Henkes

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