Gardar Eide Einarsson im Kunstverein

Gardar Eide Einarsson · Untitled (I stayed till the Bell), Untitled (Garbage), 2007, Auflage 1, Acrylfarbe auf Leinwand, 160 x 120 cm, Courtesy G. E. Einarsson, Standard Oslo

Gardar Eide Einarsson · Untitled (I stayed till the Bell), Untitled (Garbage), 2007, Auflage 1, Acrylfarbe auf Leinwand, 160 x 120 cm, Courtesy G. E. Einarsson, Standard Oslo

Besprechung

Paint it Black? Als die Rolling Stones das 1966 sangen, haben sie wohl kaum an Ad Reinhardt und seine «Black Paintings» gedacht. Wenn Gardar Eide Einarsson schwarz malt, schliessen Bezüge zur Kunstgeschichte der Nachkriegsmoderne solche zu Sub- und Popkulturen einander keineswegs aus. Vielmehr schichtet der norwegische Künstler verschiedenste Referenzen - und kondensiert sie zu Bildern, hinter deren schlichter Form sich meist eine spannungsvolle Konfrontation scheinbar widersprechender Bezugssysteme verbirgt.

Gardar Eide Einarsson im Kunstverein

Beispielsweise die beiden hochformatigen Leinwände mit den säuberlich gemalten Rechteck-Rahmen, von denen eines eine schwarze Fläche zeigt, das andere ihr durch eine Diagonale Teilung entstandenes Äquivalent. Auf den ersten Blick wirken sie wie Reprisen auf jene konzeptuelle Malerei Ende der sechziger Jahre, die ihrerseits mit dem in der Nachkriegs-zeit hoch gehandelten Pathos des Absoluten abrechnete. Ihre Formgebung verdanken sie allerdings - worauf die Titel der Bilder verweisen - den Codes russischer Gefängnis-Tattoos, mit denen die Insassen einander markieren.
Kryptisch kodiert und rigide klassifiziert wird in der Tat in beiden Kulturen. Doch nicht immer ist derartiges Spezialwissen notwendig, um sich die Arbeiten des Norwegers (*1976) zu erschliessen. Zwar transformiert er sein Ausgangsmaterial - Fotos und Texte unterschiedlicher Provenienz, Graffitis, Sticker, Fernseh- und Videobilder - indem er gezielt visuelle und sprachliche Codes extrahiert und in ein anderes Medium überträgt. Die ursprünglichen Aussagen gehen durch die Fragmentarisierung aber keineswegs verloren, sondern werden auf subtile Weise offen gelegt.
«I'm offended that you're offended» (Es verletzt mich, dass ihr verletzt seid): Wenn Einarsson lediglich die schwarzen Lettern in seinen Leuchtkasten übernimmt und an die Stelle der Südstaaten-Flagge, die sie ursprünglich auf einem Autoschild rahmten, wiederum ein schlichtes schwarzes Rechteck klaffen lässt, offenbart der Wahlspruch der neokonservativen «Konföderationsrebellen», sein zynisches, rassistisches Programm.
«Südlich des Himmels» etwa, wo - so will es ein Song der Metal-Band Slayer - die Hölle liegt. Die gleichnamige Videoarbeit, die der Frankfurter Schau ihren Titel gibt, verlegt sie in eine IKEA-Filiale, in der sich Menschen um die Eröffnungsangebote balgen. Frappiert berichtet der Fernsehreport von den Blessuren, die Kunden und Angestellte aus der Schlacht um die Massenware davongetragen haben - und ist selbst nicht nur im Videoloop gefangen, sondern auch in eben jenem System, das solche Situationen mit provoziert.
Mit Schwarzmalerei hat Einarssons pointierter Blick auf diese Gemengelage nichts zu tun. Eher mischt er sie auf seine Weise auf - bevorzugt dort, wo Abweichung und Aufbegehren die Befriedungen ohnehin bereits bröckeln lassen. Auch dass seine «Black Flag» eher von Ambivalenz als von Subversion kündet, entspricht dieser Position - denn wer Macht derart demonstrativ zu unterwandern behauptet, hat sie längst als solche akzeptiert.

Bis 
15.09.2007
Künstler/innen
Gardar Eide Einarsson
Autor/innen
Verena Kuni

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