«Swiss Made» im Kunstmuseum

Hannah Villiger · Block I, 1981, 12-teilig, C-Prints ab Polaroidvorlagen auf Aluminiumplatte, 348 x 464 cm, Aargauer Kunsthaus, Aarau, Gottfried Keller-Stiftung, Aarau

Hannah Villiger · Block I, 1981, 12-teilig, C-Prints ab Polaroidvorlagen auf Aluminiumplatte, 348 x 464 cm, Aargauer Kunsthaus, Aarau, Gottfried Keller-Stiftung, Aarau

Besprechung

Das Kunstmuseum Wolfsburg legt in zwei Auflagen Positionen der Schweizer Kunst vor. Von Anker bis Zünd oder von Hodler bis Hirschhorn: Während die historischen Exponate bis im Oktober vor Ort bleiben, gesellt sich in der zweiten Fassung derselben Ausstellung jeweils eine jüngere Position dazu. Bildvergleiche vermessen die Weiten und Engen der schweizerischen Kunstproduktion.

«Swiss Made» im Kunstmuseum

Unter dem Titel «Präzision und Wahnsinn» begegnet in zweimal zwölf Kapiteln jeweils eine historische, durch die Kritik längst beglaubigte Position einer Künstlerin, einem Künstler der jüngeren Zeit: Hannah Villigers Mehransichtigkeit des Körpers trifft auf die systematisch rechtwinkligen Kompositionen von Richard Paul Lohse oder Silvia Bächlis handschriftliche Notationen auf ein zeichnerisch geprägtes Spätwerk von Paul Klee. Arnold Odermatts Bestandesaufnahmen schweizerischer Aufgeräumtheit scheinen in der direkten Nachbarschaft Albert Ankers Sehnsucht nach gesitteter Ordnung aufs Korn zu nehmen, und die Tektonik des Bildes bei Helmut Federle nimmt Mass an Ferdinand Hodlers Stockhornkette. Präzision oder Wahnsinn? - Die Begriffe, in denen Kurator Markus Brüderlin zwei Extreme schweizerischer Mentalität auch in der Kunst umrissen sieht, wollen nicht eindeutig zugeordnet sein: Der Wahnsinn der totalen Abstraktion bei Lohse sei genauso gültig wie der Präzisionsanspruch in der Besessenheit eines Adolf Wölfli, der Grenzverlust kann so bodenlos sein wie die brav anmutende Akribie der Naturbeschreibung. Die «psychotopografische Zeitreise», wie Brüderlin sie vorschlägt, sucht nach Spuren einer kulturellen Identität zwischen Lokalem und Globalem, Selbstbezug und Weltoffenheit. Paul Nizons «Diskurs der Enge» stand Pate, wobei der theoretische Anspruch den Assoziationsreichtum einzelner Werke zu beschneiden droht. Die Lektüre anspielungsreicher Zwischentitel und ausführlicher Begleittexte unterstützt nicht immer die Anschauung und in den intimeren Kabinettsituationen bleibt die inhaltliche Dichte der Exponate zu sehr dem formalen Vergleich unterworfen.
Dabei erweist sich die Kombinatorik von Werken aus unterschiedlichen Generationen doch als ein taugliches Modell zur Vermittlung künstlerischer Intentionen oder zur Auslegeordnung von Sammlungsbeständen: Kontrastpaare schärfen den Blick für stilistische Differenzen und die Aufforderung an KünstlerInnen, auf Werke der Vergangenheit Bezug zu nehmen, führt zur Fort- und Umschreibung überlieferter Bildmotive. Unter dieser Vorgabe und mit Blick auf Schweizer Kunst erweiterte der Kunstvermittler und Autor Peter Suter die Sammlung der Basler Bank Sarasin & Cie AG. Nahsichtiger und subjektiver, als es sich eine Ausstellung wie «Swiss Made» - zu der bei Hatje Cantz eine Publikation erschienen ist - leisten könnte, sucht er in der Publikation «Bild, Bilder» (Schwabe Verlag, 2006) in kurzen Texten eine jedem Bild und seinem Partner angemessene Sprache. Die teils assoziativen, teils informativen Beschreibungen halten sich fern vom kunsttheoretischen Diskurs und ermutigen gerade darin zur individuell motivierten Lektüre.

Bis 
20.10.2007

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