Wozu braucht Paris ausländische Kulturinstitute?

Michel Ritter leitete das Centre Culturel Suisse in Paris von 2002 bis Mai 2007

Michel Ritter leitete das Centre Culturel Suisse in Paris von 2002 bis Mai 2007

Der Eingang zum Centre Culturel Suisse (Theatersaal und Ausstellungsräume) an der Rue des Francs-Bourgeois 38, Paris, Foto: René Walker

Der Eingang zum Centre Culturel Suisse (Theatersaal und Ausstellungsräume) an der Rue des Francs-Bourgeois 38, Paris, Foto: René Walker

Fokus

Als Michel Ritter 2002 als Direktor des Centre Culturel Suisse Paris (CCSP) berufen wurde, veröffentlichte das Kunst-Bulletin einen Fokus zur Rolle der Kulturzentren in Paris mit Ausblick auf einen Wandel von der Repräsentation zur Intervention. Ein Wandel, den vor allem Ritter aktiv und einflussreich vollzogen hat. Nach dem überraschenden Tod des Fribourger Ausstellungsmachers stellt sich die Frage nach der Rolle des CCSP neu

Wozu braucht Paris ausländische Kulturinstitute?

Paris ist ein Schmelztiegel der Kulturen. «Zugereiste» brachten und bringen der Stadt Bewegung und Berühmtheit. Paris, das ist auch das Stein gewordene Beharrungsvermögen der Tradition. Vom Museum über die Universität bis zum Bistro - Schicht für Schicht legen sich Jahrzehnt um Jahrzehnt neue Monumente der französischen Kultur übereinander. Die Mischung als Alt und Neu, fremden und eigenen Kulturen macht die Metropole attraktiv. Künstler, die wegen niedriger Quadratmeterpreise in Berlin leben, kommen zum Ausstellen ins mondäne Paris. Das mögen auch Sammler: Immer mehr besuchen Messen, Biennalen, Salons und nebenbei Institutionen, Galerien, Kunstzentren. In der heutigen «Stadt Europa» ist Paris das internationale Museums-Viertel: Müssen hier fremde Kulturen eigens repräsentiert werden?
Michel Ritter fand: nein. Statt das Centre Culturel Suisse im Herzen des Marais zum Schaufenster für Schweizer Kunst zu machen, setzte er auf Thematisches. Mit Erfolg: Von 2003 bis 2005 hatte das Centre stetig wachsende Besucherzahlen (von 20 765 bis 43 676). Top-Event war Hirschhorns «Swiss Swiss democracy»: 30 705 Besucher kamen. Die «Affäre» kostete Pro Helvetia Kürzungen von 1 Million Schweizer Franken. Mit Mut zum Konflikt suchte Ritter nach neuen Blickwinkeln, bezog mit Ausstellungen wie «Mursollaici», «Aller/Retour» oder zuletzt «Une question de génération» im Musée d?art contemporain Lyon Stellung im französischen Kunstbetrieb. Schweizer Kunst sollte Zutat einer Pariser Dynamik werden, der Ausstellungs- zum Produktionsraum von Ideen, Fragen, Kooperationen mutieren.
Genau das braucht Paris: In der Stadt, die bisweilen noch immer einem absolutistischen Hof gleicht, dreht sich alles um das Beziehungs-«Vitamin B». Sachorientierte Gespräche über Kunst sind kaum möglich, so sehr rennen alle dem eigenen Fortkommen nach. Galeristen, Museumsleiter oder staatliche Kunst-Helfer sollen Türöffner für möglichst verbrieft hoffnungsvolle - sprich: marktgängig risikoarme - Jungkünstler sein, nicht mehr. In einem solcherart nivellierten Ausstellungsbetrieb zwischen globalisierten Starlets und franko-französischen Kumpelkünstlern ist weder Platz zum Denken noch zum Scheitern.
Paris braucht Spielräume, Orte für stressfreien Austausch. In ihrer Sonder- und bisweilen Inselstellung könnten die ausländischen Kulturinstitute hier eine Lücke schliessen, gerade weil sie keine idealen Einstiegsportale in die «grosse Szene» sind. Zu sehr sind sie noch Nischenplätze für kleine ausländische Communities. Dafür müssen sie sich aber profilieren, müssen weg vom Dasein zwischen Sprachschule und Tourismus-Prospekt-Halter. Als entspannt-intelligenter Ort zwischen Repräsentation und Intervention können sie Diskursmotor werden, wo andere nur zum Gelde drängeln. Das haben neben Ritter auch andere Zentrumsleiter erkannt. Vor einigen Jahren wurde auf Anregung der Kanadier das FICEP (Forum ausländischer Kulturinstitute in Paris) gegründet. Inzwischen 38 Kultur- und 4 assoziierte Insti-tute veranstalten jährlich eine «Woche der ausländischen Kulturen». Michel Ritter prägte im Beirat «mit seiner aktiven, offenen, intellektuellen und künstlerisch sensiblen Arbeit unser Gesicht», sagt Giorgio Ferrara, FICEP-Präsident, Direktor des italienischen Kulturinstituts.
Wie Ritter kommt der Theaterregisseur nicht aus einer administrativen Laufbahn. «Das garantiert eine Arbeit, die sich nahe am Publikum und am Künstler befindet.» Der 60-jährige Italiener meint: «Paris mag Fremde. Doch das Publikum steht auch vor einem Überangebot. Daher setzen wir auf thematisch klar gefasste Veranstaltungen. Dieses Jahr wird es ein Kino-Festival geben, «tout au féminin», 35 Länder sind beteiligt.»
Gemeinsam wird man sichtbar - vor allem die Kleinen: Wer kennt schon die Arbeit des rumänischen Kulturinstituts? Dessen Leiterin, die Schriftstellerin und Kunsthistorikerin Magda Carneci publiziert Bücher und Essays und kuratiert Ausstellungen. Sie sieht sich als «Vermittlerin zwischen rumänischer Spiritualität und französischer Rationalität». Andere Zentren schliessen offensiv an Aktuelles an: Im Vorfeld der diesjährigen Venedig-Biennale kam Eric Duykaerts zur Show in das belgische Centre Wallonie-Brüssel gegenüber dem Centre Pompidou. Dicht am Puls der Kunstproduktion arbeitet das als «reges Laboratorium» gelobte Institut Mexikos, das sich Spuren und Zeichen mit Arbeiten von Santiago Borja, Yolanda Gutiérrez und Hisae Ikenaga widmet. Im Kulturinstitut Kanada wird derweil eine grosse Ausstellung zu dessen Foto- und Videokunst präsentiert. «Alle Kulturen haben je individuelle Stärken, die wir durch Themen bündeln. Wir suchen mit der Kunst die Diskussion», unterstreicht Ferrara. 150.000 Menschen liessen sich vergangenes Jahr während der Woche der ausländischen Kulturen darauf ein. Tendenz steigend.
Um Spielräume zu öffnen, braucht man freie Hand. Doch oft hängen die Kulturzentren eng mit den politischen Interessen ihrer Regierungen zusammen. Sich gegen Sparpolitik, Nutzdenken und Instrumentalisierung zu stemmen und mehr zu werden als ein Tourismus-Office mit Sprachschul-Annex, verlangt eine künstlerische Vision, ein starkes Rückgrat - und gute Kontakte. Ein gutes Programm allein reicht nicht. Der Segler auf den visuellen Wogen will Landmarken, Navigationshilfen und Kapitäne mit sicherem Blick. «Michel Ritter war eine charismatische Persönlichkeit», sagt Ferrara, «ich hoffe, man wird einen ähnlich aktiven Nachfolger finden. Besonders in Paris ist das extrem wichtig. Hier kann man es sich nicht leisten, ein Kulturzentrum
wie eine Volkshochschule zu betreiben.» Paris braucht gerade im grassierenden Kunstmarktrausch von Zukunftsangst freie Zonen. «Sich der Angst zu verweigern», sagte Hans-Peter Litscher anlässlich einer Hommage im Centre Culturel Suisse Ende Mai, «das war Michel Ritters Haltung. Sie wird weiterleben.»

Unter dem Titel «La Cinéma - le festival où tout est au féminin» findet vom 24.-30.9. die Woche der ausländischen Kulturen in Paris statt.

Künstler/innen
Michel Ritter
Autor/innen
J. Emil Sennewald

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