Tatjana Gerhard

Tatjana Gerhard · Ohne Titel, 2008, Öl auf Leinwand, 150 x 130 cm

Tatjana Gerhard · Ohne Titel, 2008, Öl auf Leinwand, 150 x 130 cm

Besprechung

Noch ist Tatjana Gerhard ein Geheimtipp. Doch ihre düster-romantischen Malereien faszinieren einen wachsenden Kreis von Interessierten. Ein Grund dafür mag die suggestive anekdotische Kraft ihrer Themen und Motive sein. Doch ihre Kunst ist schwer zu ergründen, lebt dafür umso mehr vom Mysteriösen.

Tatjana Gerhard

In Tatjana Gerhards (*1974, lebt in Zürich und Berlin) Bildwelt tummeln sich bleiche, hexenartige und koboldähnliche Wesen. Entweder spielen sie oder treiben - wenn nicht gerade als Schutzgeister unterwegs - ein geheimnisvolles Unwesen. Die Gestalten mit kindhaft-naiven Gesichtern und gnomenhaften Zügen sind weder männlich noch weiblich, sind keine Kinder mehr und auch keine Wesen, die dem Humus europäischer Märchen entstiegen wären. Doch sie verkörpern beide Welten ein bisschen. Vage ist auch ihre oft dunkel-schummrige Umgebung, mit der sie zu verschmelzen scheinen. Lediglich einfache kompositorische Mittel wie einzelne Baumstämme im Vordergrund oder inselförmige Unterlagen definieren den ansonsten unbestimmten Raum. Oft scheint sich dieser wie eine abgründige Leere ins Unendliche auszudehnen. Unverkennbar ist der Einfluss von David Lynch's unheimlicher Welt und Goyas düsterer Farbwahl. Durch die grundierten Leinwände und die abschliessend mit einem Firnis überzogenen Bildflächen erinnern die Malereien oft an alte Gemälde. Die glänzenden Bildgründe verweisen auf Bildträger aus Plastik, die Tatjana Gerhard noch bis vor Kurzem verwendet hat und auf welche sie mit wasserfesten Folienschreibern gezeichnet und gemalt hat.
Die weder örtlich noch zeitlich verorteten Gestalten suggerieren ein traumhaftes Geschehen, in welchem das Unterbewusstsein die Steuerung übernommen hat. Wiedergegeben sind diese Szenerien als ob es Illustrationen zu Märchen wären. Das Thema Einsamkeit und Isolation zieht sich wie ein Leitmotiv durch Tatjana Gerhards Bildwelt. Meist sind die Gestalten allein und verloren im Nirgendwo, ebenso wie die abseits liegenden Holzhäuser. Diese sind frontal dargestellt und durch einen Weg, eine Rampe oder eine Treppe erschlossen. Seltsamerweise wirken die geöffneten Eingänge nicht einladend, sondern muten mit dem dahinter lauernden Dunkel eher abschreckend an. Angesichts dieser vornehmlich düsteren Bildwelten fällt das Licht, das aus der Finsternis kommt, besonders auf. Mal ist es der Lichtschein einer Lampe, der auf einen im Dunkeln stehenden Tisch fällt, ein andermal der Strahl einer Taschenlampe auf dem Gesicht eines Zauberers. Und wenn unter einem irrlichternden Himmel ein auf allen Vieren dahin kriechendes Wesen aus sich heraus zu leuchten scheint, wirkt diese merkwürdige Gestalt wie eine geheimnisvolle Chiffre für menschliche Existenz.

Bis 
10.10.2008
Autor/innen
Dominique von Burg
Künstler/innen
Tatjana Gerhard

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