Allora & Calzadilla

Allora & Calzadilla · Compass, 2009, Installationsansicht Temporäre Kunsthalle Berlin, abgehängte Holzdecke, Tänzer, variable Dimensionen.?Foto: Jens Ziehe

Allora & Calzadilla · Compass, 2009, Installationsansicht Temporäre Kunsthalle Berlin, abgehängte Holzdecke, Tänzer, variable Dimensionen.?Foto: Jens Ziehe

Allora & Calzadilla · How to Appear Invisible, 2009, Filmstill, Foto Print, 26,2 x 45,2 cm

Allora & Calzadilla · How to Appear Invisible, 2009, Filmstill, Foto Print, 26,2 x 45,2 cm

Besprechung

Ungeachtet interner Querelen, ein Geschäftsführer und der Beirat schieden aus ihrem Amt, überrascht die Temporäre Kunsthalle Berlin mit einer konzentrierten Ausstellung: Allora & Calzadilla verwandeln die Halle mit minimalen Mitteln in eine eindringliche Metapher für die Dialektik von Aufbruch und Altlast.

Allora & Calzadilla

Auf den ersten Blick erwartet einen in der Temporären Kunsthalle nichts als ein leerer Raum. Schnell aber bemerkt man, dass die Decke tiefer gelegt wurde. Nicht mehr elf sondern nur noch 2,90 Meter ist der Kunstraum hoch. Die Leere, ihre noch unbesetzte, gleichsam utopische Qualität, entfaltet sich so parallel mit dem Gefühl des Klaustrophobischen: Die Decke scheint einem auf den Kopf zu fallen. Dieser Dualismus von Optimismus und Bedrückung wird noch unterstrichen durch die zweite Intervention, die Jennifer Allora (*1974, Philadelphia) und Guillermo Calzadilla (*1971, Havanna) mit ihrer Installation «Compass», 2009, vorgenommen haben: eine Choreografie für einen «Tänzer», der sich, selber unsichtbar bleibend, auf der neu eingezogenen Zwischendecke bewegt. Nur seine Schritte und Sprünge sind von dem Besucher unten zu hören. Einerseits strukturieren diese Geräusche, daher der Titel «Compass», mit ihren akustischen Spuren den Raum, andererseits erinnern sie an nervtötende Störungen, die ein zu lauter Nachbar in der Wohnung über einem verursacht. Wieder entfaltet sich das widersprüchliche Gefühl von Bewegungsfreiheit und Enge.
Spannend ist diese Installation vor allem, weil sie einen gelungenen Kommentar abgibt zu der Situation am Berliner Schlossplatz. Dort befand sich, wo einst das von der DDR gesprengte Berliner Stadtschloss stand, der real-sozialistische Palast der Republik, der wiederum im Jahre 2008 abgerissen wurde. Im Moment ist der Platz leer, bietet so der Temporären Kunsthalle für zwei Jahre ein Domizil. Diesem widersprüchlichen Moment von Durchgang und Statik, von Aufbruch und Affirmation, geben Allora & Calzadilla mit ihrer Installation «Compass» ein minimalistisches Narrativ, das so offen wie vielsagend erscheint.
In einem Vorraum der Halle zeigt das Künstlerpaar zudem ihr Video «How To Appear Invisible», 2009. Zu sehen ist ein deutscher Schäferhund, der nach dem Abriss des Palasts der Republik über das Trümmerfeld streunt. Dabei trägt er eine Halskrause, auf der das Logo einer US-amerikanischen Fast-Food-Kette gedruckt ist. Der Bilderlosigkeit von «Compass» steht hier ein Bündel an assoziierten Bildern entgegen, die vom Untergang des Kommunismus ebenso erzählen wie von der Globalisierung und dem Scheitern des Suchens.

Bis 
05.09.2009

Katalog Walther König, Köln

Künstler/innen
Allora/Calzadilla
Autor/innen
Raimar Stange

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