Mircea Cantor - und das Glück rennt hinterher

No title (Unpredicteble future), 2004, Lichtbox, 60 x 80 cm

No title (Unpredicteble future), 2004, Lichtbox, 60 x 80 cm

Deeparture, 2005, 16mm-Film auf BETA digital überspielt, Farbe, ohne Ton, 2'43». Courtesy Yvon Lambert, Paris, New York

Deeparture, 2005, 16mm-Film auf BETA digital überspielt, Farbe, ohne Ton, 2'43». Courtesy Yvon Lambert, Paris, New York

Fokus

Ein Junge versucht, mit der Schere einen Wasserstrahl abzuschneiden - Mircea Cantor setzt fürs Kunsthaus Zürich pro­gram­matisch seine Kunst ins Videobild. Der Rumäne verfolgt die Vergeblichkeit, in symbolischer Form das Leben festzuhalten, und findet dabei eine Poetik des Politischen.

Mircea Cantor - und das Glück rennt hinterher

Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Wölfe sind harmlose Tiere. Mircea Cantors «Deeparture», 2005, sperrte einen Wolf und ein Reh in einen White Cube. Sie blieben distanziert, friedlich, fast deprimiert. Das Video setzt Zusammenleben als latente Gefahr ins Bild. Cantors Kunst inszeniert das Soziale als Verspannung zwischen Freundschaft und Gefressen-Werden - und versucht ausgleichende Gesten. «Ich möchte keine Politik machen», sagt der in Paris lebende Erfolgskünstler, «eher eine Art Anti-Politik als eine Form politischen Handelns, indem ich von Kunst spreche, Kunst einsetze. Viele Künstler nutzen die Politik, um eine Botschaft zu formulieren, ich will eine Poetik finden.»
Das führt manchmal zu zwiespältigen Entscheidungen. Wie jener, nicht an der Venedig-Biennale 2007 teilzunehmen, obwohl es um Monumente ging, eines seiner Hauptthemen, das er mit «Monument for the End of the World», 2006, bearbeitete - er habe dort, mit Kurator Mihnea Mircan, «nicht seinen Ort gesehen». Ein anderes Mal macht er das Ausstellen selbst zum Thema: «Ein befreundeter Kurator wollte mich in seine Ausstellung aufnehmen. Ich hatte Zweifel an seinem Projekt. Also war mein Beitrag die Bitte, jedes Mal, wenn er von seinem Projekt spricht, hinzuzufügen: «Aber Mircea, der zweifelt an dem ganzen Projekt».»

Groteske Gesellschaft

Seit Zusammenbruch der sozialistischen Systeme bearbeiten viele osteuropäische Künstler Gesellschaft, Werte, Ordnungsmuster und Kritikfähigkeit. Wie der nur drei Jahre ältere Victor Man gehört Cantor zur «Cluj Connection», wie Anfang 2007 die Galerie Haunch of Venison in Zürich titelte. Beide Künstler werfen als «Dada East» - wie eine Ausstellung im Züricher Cabaret Voltaire hiess - einen unerbittlichen Blick auf die Welt, weit unverspielter als ihr 48-jähriger Kollege Dan Perjovschi. Victor Man blickt nach innen, auf Obsessionen, Cantor nach aussen, auf Symbole. In Zürich setzt er auf Konzentration im Witz. «Which light will kill you», nennt er eine vom Strom getrennte Glühbirne, auf der tote Fliegen kleben. Oder «Light birds on high voltage wire» eine 3x2 Meter grosse Rechentafel aus 1000 aufgefädelten Löffeln.
Man kennt Cantor als kompromisslosen Künstler, der sehr genau festlegt, wie seine Arbeit präsentiert wird. Für seine erste grosse Schau in der Schweiz (nach einem vorgängigen Auftritt im Rahmen der Gruppenausstellung «Shifting Identities», 2008, im Kunsthaus Zürich) hat er zwei neue Videoarbeiten, eine grosse Installation und weitere neue Werke entwickelt. Auch witzige Miniaturen: Auf einem Ölbild, 26x20 cm, kreisen Engel und Satelliten um den Erdball. Der Kalauer als Methode verweist auf neue Formen der Religion und erweist sich als eines seiner Leitmotive: «Der Sicherheitsglaube ist eine neue herrschende Religion. Die Sicherheit ist in unsere Körper eingezogen, in die Rillen unserer Fingerabdrücke, in die Fasern unserer Iris - wer aber ist dieser «Herrgott der Sicherheit»? Diese neue Religion nimmt völlig groteske Formen an.» Groteske als Gesellschaft, Poetik als Politik - Cantor begegnet ihr mit Scherz und Satire, mit Ironie und tieferer Bedeutung.

Gedrücktes Glück
«Man muss, auch als Künstler, zur Funktionsweise des Künstlers vordringen, genau hinsehen, Strukturen betrachten, nicht nur Gesten», sagt er, «man muss seine eigene Sensibilität aktivieren, um die Schrecken zu sehen und um Werte entstehen zu lassen, nicht sich Führern und Leitbildern anschliessen. Was können wir tun? Fragen stellen. Zum Beispiel eine Kinderfrage: «Warum?» Mircea Cantor, der Osteuropäer, der mit mächtigen Galerien internationale Bedeutung erlangt hat, wird längst in der Mühle des Erfolgs von naivem Fragen abgehalten. Doch dann macht er das Kreisen wieder zum Gegenstand: «Tracking happiness» heisst das Hauptwerk für Zürich. Das Video zeigt sieben Frauen, die im Kreis durch den Sand gehen. Jede verwischt die Spuren der anderen. Vergeblich, unausweichlich. «Ja renn nur nach dem Glück», singt Bertolt Brecht im «Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens», «doch renne nicht zu sehr,/denn alle rennen nach dem Glück,/das Glück rennt hinterher.»
Der Rumäne Cantor hat das Ende des Kommunismus in seinem Land als Junge erlebt. 2005 produzierte er als Mitherausgeber eine Nummer der Zeitschrift «Version» in der Künstler, Kuratoren, Kritiker der Bedeutung von Demonstrationen nachgehen. «Im Herbst 1989», heisst es in der Einleitung, «sahen tausende von Kindern jeden Abend Fernsehbilder von Menschenmassen, zusammengekommen mit dem einen Willen: Zu ändern, Berge zu versetzen und in Staub aufgehen zu lassen, worunter sie so lange zu leiden hatten». Die Demonstration, auch im Sinne einer künstlerischen Arbeit des Aufzeigens, stellt dar und verändert in ein und demselben Akt. Sie produziert Bilder und mit ihnen ändert sich die Realität.

Bis 
07.11.2009

Mircea Cantor (*1977 in Oradea, Rumänien) lebt und arbeitet in Paris und Cluj
2004 Prix Paul Ricard, Paris*

Einzelausstellungen (Auswahl)
2009 «White sugar for black days», Yvon Lambert, Paris; «The need for uncertainty», Camden Arts Centre*
2008 «Future Gifts», Mucsarnok/Kunsthalle, Budapest*; «The need for uncertainty», Modern Art Oxford*
2007 «Deeparture at Black Box», Hirshhorn Museum, Washington; «Ciel Variable», FRAC Champagne Ardennes*; «Solo Screening of Deeparture», Museo Tamayo, Mexico City
2006 «The title is the last thing», Philadelphia Museum of Art*; «Burn to be Burnt», GAMeC, Galleria d'Arte Moderna e Contemporanea di Bergamo *mit Katalog

Künstler/innen
Mircea Cantor
Autor/innen
J. Emil Sennewald

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