Editorial

TITELBILD · Wrongbrothers Inc. · Raumstation ISS Hope, Europaallee Zürich, 2016

TITELBILD · Wrongbrothers Inc. · Raumstation ISS Hope, Europaallee Zürich, 2016

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Heute ist Dumpling-Day. Wir sitzen an Holzbänken unter einem Zeltdach und haben soeben bestellt. Im umfunktionierten Container sind ein chinesisches Geschwisterpaar und zwei Helfer am Werk. Die Frau schneidet ein Stück Teig ab, knetet ihn kräftig durch, drückt ein Loch durch die Mitte und schwingt den so entstandenen Wulst um den Arm, bis sie ihn - kurz vor dem Zerreissen - wieder auf den Tisch schlägt und alles von Neuem beginnt. Neben ihr walken die zwei Köche mit Rundhölzern kleine Rondellen aus, während der dritte sie füllt und fürs Kochen bereitlegt. Langsam mischt sich in die anfängliche Faszination Panik: Hier Essen fordert Zeit.
ISS Hope heisst der Foodcontainer, den Patrick Hari und Christoph Elias Meier zusammen mit zwei chinesischen Bioköchen als Teil des Manifesta-Parallelprogramms in Zürich landen liessen. Er steht an der Europaallee, auf dem urbanen Neuland eines stillgelegten Gleisfelds. Die Gebäude rundum wirken wuchtig und anonym, nur im Erdgeschoss kamen auch weniger potente Zahler zum Zug. Hier finden sich nebst diversen Cafés, Restaurants, ­einem riesigen Outdoorshop auch ein Schuhmacher und ein Blumen­laden. Dennoch, die vorerst baumlose Allee wirkt nüchtern und der kleine Container bildet einen überraschend lebendigen Gegenpol.
Mittlerweile finden sich zwar Becher auf dem Tisch, doch erst einer der Gäste hat auch einen dampfenden Teller vor sich. Die Ungeduld weicht Fatalismus. Notgedrungen werden die Gesprächs- und Gedankenschlaufen weiter, mäandern von der Europaallee nach China, vom Biolandbau zur Erfindung des Wallholzes, vom ­lokalen zum internationalen Kunstpflaster. Und langsam dämmert uns: Dies ist nicht verschwendete, sondern gewonnene Zeit. ­Essen lässt Gedanken und Gespräche sprudeln - und verbindet. Kein Wunder, trafen sich unsere Ahnen beim Gastmahl und schliffen bei Symposien an der Sprache, an Begriffen und Ideen.

Autor/innen
Claudia Jolles

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