100x Aarau und auf der Flucht

100x Aarau, Ausstellungsansicht Stadtmuseum Aarau. Foto: Yohan Zerdoun

100x Aarau, Ausstellungsansicht Stadtmuseum Aarau. Foto: Yohan Zerdoun

100x Aarau, Zinnfiguren, Ausstellungsansicht Stadtmuseum Aarau. Foto: Yohan Zerdoun

100x Aarau, Zinnfiguren, Ausstellungsansicht Stadtmuseum Aarau. Foto: Yohan Zerdoun

Hinweis

100x Aarau und auf der Flucht

Ach diese Gesellen, ach diese Kinder! 1795 war's, als Herr Johann Wilhelm Gottschalk (1768-1843) bei Zinngiesser Beck in Aarau vorsprach. Er ward eingestellt, fand Gefallen am Städtchen «und an der Tochter des Meisters» - und blieb. Für eine kurze Zeit hatten Firma und Familie ein Auskommen mit Zinnfiguren, bevor der Übermacht aus Nürnberg Tribut gezollt werden musste. Im Stadtmuseum können Besucher diese Miniaturen jetzt wieder zum Leben erwecken und einen kleinen Stop-Motion Film drehen, die Einrichtung dazu steht bereit. ‹100x Aarau› gibt es in der Dauerausstellung im Altbau des «Schlössli» zu entdecken, und es ist ein kurzweiliger, modern konzipierter und verwinkelter Gang durch die Geschichte eines Ortes, der 1798 für vier Monate Würde wie Bürde der helvetischen Hauptstadt trug. Es gibt mehrere klangvolle Namen, die mit Aarau verbunden sind. Die Firma ‹Kern› bspw. und die qualitativ hochwertigen Zirkel und Reisszeuge. Der feine Verlag ‹Sauerländer›, dessen Programm heute bei Fischer zu finden ist. ‹Zschokke, Heinrich›, liberaler Schriftsteller und Verleger (sein originales Stehpult blieb erhalten). Die 1859 gegründete Druckerei von Adolf Schmutziger und Clemens Müller dürfte man nicht unbedingt mit Kredit- und Identitätskarten in Verbindung bringen. Ist aber so: Die heutige Druckerei Trüb hat sich über ihre Kompetenz im Sicherheitsdruck auf Papier eine führende Stellung als Hersteller von Plastikkarten erarbeitet. Für uns ist deren Gebrauch selbstverständlich, für andere Menschen bleiben sie unerreichbar. In ihre dunkle, unbekannte und schmerzliche Welt führt die Wechselausstellung ‹Flucht›. 2015 flohen pro Minute 24 Menschen, und sie erhalten in den Räumen des Neubaus ein Gesicht. Mit einem ‹Carnet d'éxile› kann den verschiedenen Stationen der unfreiwilligen Migration gefolgt werden bis zur Ankunft in einer Flüchtlingsunterkunft mit Originalmobiliar. Luxus, liebe SVP, ist das nicht. Ganz oben im Turm lässt dann die ‹Camera Obscura› von Jacqueline Weiss und Kathrin Siebenhaar Aarau Kopf stehen. Ein paar Treppen und Winkel weiter unten ist der historische und öffentliche Traumraum, wo sich traut, wer sich traut. Und wer das Museum mit nach Hause nehmen möchte, kann das tun - an der Kasse ist seit kurzem ein Bastelbogen erhältlich. Hermann Burgers ‹Lokalbericht› stünde als Begleitliteratur im Gestell des hohen und hellen Foyers im Neubau, wo Picknicken ausdrücklich erlaubt ist.

Bis 
17.09.2017
Autor/innen
Thomas Schlup

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