Arte Albigna - Kunst in schwindelerregender Höhe

Jürg Stäuble · Sphere, 2017, Sagex 20, Ø 400 cm. Foto: Ralph Feiner

Jürg Stäuble · Sphere, 2017, Sagex 20, Ø 400 cm. Foto: Ralph Feiner

Roman Signer · Piaggio an der Mauer, 2017, Installation. Foto: Ralph Feiner

Roman Signer · Piaggio an der Mauer, 2017, Installation. Foto: Ralph Feiner

Besprechung

Wer wandert und sich synästhetisch öffnet, kann die ortspezifischen Kunstinterventionen von 13 Schweizer Kunstschaffenden auf 1300 Höhenmeter rund um die Albigna-Staumauer im Bergell erleben. Die vielseitigen Projekte beschäftigen sich mit der hochalpinen Natur und mit der Geschichte des Tals.

Arte Albigna - Kunst in schwindelerregender Höhe

Wenn Kunst in Landschaftsräume vordringt, stehen ihre Chancen, gegen die Natur anzukommen, nicht selten wie jene Davids gegen Goliath. Dies ist vielleicht der Grund, warum sowohl das Kuratorenteam Luciano Fasciati und Céline Gaillard wie die Kunstschaffenden vorerst eher zurückhaltend auf die Idee der Hüttenwartin der Capanna Albigna, Annamaria Crameri, reagierten, ein Kunstevent speziell für die hochalpine Kulisse zu realisieren. Nichtsdestotrotz ist ein komplexes In-situ-Projekt entstanden, das körperlich erwandert und ästhetisch erfahren werden will und kunstaffine Spaziergänger mit kletternden Alpinisten ins Gespräch bringt. Die Interventionen integrieren sich unterschiedlich in die Steinlandschaft mit der markanten Zürcher EWZ-Staumauer und dem türkisfarbenen Schmelzwassersee und befassen sich auf vielfältige Weise mit der Geschichte des Bergells.
Reto Rigassi empfängt die Besucher/innen in der Talstation der Seilbahn Albigna mit ‹Hexenträumen›, einem Tryptichon aus Absynth, Eiweiss und Glimmer in Erinnerung an die gefolterten und verbrannten Hexen im Tal. Judith Albert beschreibt in ihrer Neonarbeit ‹Another Day in Paradise› nicht etwa drei Zustände von Kletterern - Tiramisu, Lasciamilì, Buttamigiù -, sondern nennt die Namen von Kletterrouten. Beim Hochschweben in der Gondel reibt man sich die Augen: Da scheint Roman Signers blauer Apecar fast vertikal die Staumauer runterzurasen. Jürg Stäubles weisse Halbkugel ragt aus der Wasseroberfläche wie das Auge eines Unterwasserwesens und Manfred Alois Mayr lädt die Wandernden ein, auf seinem raffinierten Hammerspiel mit Metallröhren die Töne der Bergeller Dorfglocken wieder aufleben zu lassen. In der SAC-Hütte Albigna projiziert Pipilotti Rist im Winter-WC ihren Video ‹Berg Elle› zur Entstehung der Alpen auf einen baumelnden Granitstein. Weiter geht es bis zu Remo Albert Aligs Metallseerosen im Bergsee auf 2565 Metern, deren Titel ‹Nymphea Alba› Bezug nimmt auf die Weissung (Purifizierung) des alchimistischen Prozesses. Isa­belle Krieg hat eine Geissenhirtenhöhle mit bunten Filzkugeln als ‹Salon O'› ausstaffiert. Ob die regulären Bewohner des hochalpinen Lebensraums die Begegnung mit den Artefakten schätzen, ist schwer zu beurteilen, aber vielleicht kann die Häufigkeit, mit der sie ihre Warnsignale von einem Felsvorsprung zum nächsten pfeifen, als Messinstrument dienen.

Bis 
30.09.2017

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