Arte Castasegna

Karin Karinna Bühler · Cambio, 2018, Spiegelblech, Chromstahl, 450 x 65 x 75 cm. Foto: Ralph Feiner © ProLitteris

Karin Karinna Bühler · Cambio, 2018, Spiegelblech, Chromstahl, 450 x 65 x 75 cm. Foto: Ralph Feiner © ProLitteris

Zilla Leutenegger · Piano soleggiato, 2018, Piano bemalt, mechanisiert, Solarzelle, 100 x 200 x 200 cm. Foto: Ralph Feiner © ProLitteris

Zilla Leutenegger · Piano soleggiato, 2018, Piano bemalt, mechanisiert, Solarzelle, 100 x 200 x 200 cm. Foto: Ralph Feiner © ProLitteris

H.R. Fricker · AUF und AB, 2018. Lackfarbe, variable Dimensionen. Foto: Brita Polzer

H.R. Fricker · AUF und AB, 2018. Lackfarbe, variable Dimensionen. Foto: Brita Polzer

Haus am Gern · IDZIEMY SŁUSZNĄ DROGĄ, (Wir sind auf dem richtigen Weg), 2018, Holz bemalt, 140 x 600 x 8 cm. Foto: Brita Polzer

Haus am Gern · IDZIEMY SŁUSZNĄ DROGĄ, (Wir sind auf dem richtigen Weg), 2018, Holz bemalt, 140 x 600 x 8 cm. Foto: Brita Polzer

Besprechung

Vom italienischen Teil des Dorfes ist eine Blaskapelle anmarschiert und auf dem Dorfplatz erhebt der bis zur Fusionierung 2010 tätige Gemeindepräsident die Stimme: Die Arte Castase-gna ist eine Chance für das ganze Bergell. Sie bringt Farbe, neue Farbe und Farben verheissen Glück.

Arte Castasegna

Castasegna — Die Identität des Grenzdorfs mit seinen 180 Einwohner/innen stand auf dem Spiel, berichtet der Gemeindepräsident. Es galt zu erkennen, wie wichtig die kleinen Produktionsorte und Geschäfte sind: die Soglio-Produkte bspw., die Kastanientorten, der Dorfladen oder die Pasticceria. Auch die Kunst könne beitragen, das Dorf wieder lebendiger zu machen, und mit der Arte Castasegna wolle man nun einen Schritt nach vorne tun. – Ob aktuell in Palermo, in Zürichs im Umbruch befindlichen Quartieren Oerlikon, Schwamendingen und Seebach oder im Bergell mit seinen rund 1500 Talbewohner/innen – der Kunst werden beachtliche Transformationsenergien zugetraut. Palermos Bürgermeister erhofft sich von der 12. Manifesta eine nachhaltige Wirkung für die Stadt und postuliert, sein Schwert sei die Kultur. Im Rahmen des Zürcher Kunstprojekts ‹Neuer Norden Zürich› verspricht ein Autor anlässlich seiner Quartierspaziergänge die Aufmerksamkeit für das Alltägliche zu schärfen – damit «wir nicht Opfer der Umstände» werden, «resignieren und ersticken». Die Arte Castasegna könnte dergleichen Erwartungen erfüllen. Das zeigt der Blick auf die Geschichten, die erzählt, die Räume, die geöffnet, und die sozialen Kontexte, die hergestellt werden. Bis auf drei Künstler haben sich die 14 Beteiligten rechts und links der Via Principale eingenistet – in privaten Wohnzimmern, einer ehemaligen Zollstation, einem nicht mehr genutzten Laden oder einer alten Waschkammer, wo früher Schweineborsten abgebrüht wurden. Einige der Räume waren mit ausrangierten Dingen vollgestellt und wurden gemeinsam leergeräumt und wieder zugänglich gemacht – die in «bester Lage» befindlichen Immobilien für eine neue Zukunft geöffnet. Karin Karina Bühler (*1974, Herisau) hat den seit den 1990er-Jahren geschlossenen Negozio Vincenti am Dorfeingang für sich entdeckt. Durch die Veränderung des Wechselkurses und den Bau der Umgehungsstrasse blieben die Kunden weg, der Familienbetrieb musste aufgeben. Die Künstlerin hat der kleinteiligen, unverändert erhaltenen Ladenstruktur ein diagonal den Raum durchziehendes CAMBIO entgegengesetzt. Das Wort steht für Tausch und Geldwechsel, zugleich für den historischen Wandel, der sich in dieser Intervention mächtig und durchaus zukunftsträchtig positioniert. Am grenzseitigen Ende des Dorfes, auf der schönen Pergola der Villa Carbald, hat Zilla Leutenegger (*1968, Zürich) ein ‹Piano soleggiato› aufgestellt, einen schwarzen, ziemlich heruntergekommenen Flügel, dessen Tasten – über Solarzellen gesteuert – wie von Geisterhand angeschlagen werden. Nur wenn die Sonne scheint, erklingen Töne, nicht in eine Melodie eingebunden, sondern wie Soloauftritte, als ob da jemand jedem einzelnen Klang nachhört – in dieser Ruhe, in der sich plötzlich der Raum öffnet und man das Rauschen der Maira hört. Die Villa Garbald, erstellt von Gottfried Semper 1862, ist einer der vielen sehenswerten Bauten hier. Castasegna mit dem Vitra Design Museum zu vergleichen, ist natürlich vermessen. Wer sich jedoch über gewagte Bauten freut, kommt im Dorf durchaus auf seine Kosten. 2004 wurde der Villa Garbald – von Miller & Maranta – ein Wohnturm zur Seite gestellt. Vom Tessiner Architekten Peppo Brivio sind pilzförmige Tankstellenbauten zu sehen und Bruno Giacometti hat in den 1950er-Jahren eine Angestelltensiedlung der Bergeller Kraftwerke und ein über den Hang ragendes Zollhaus gebaut, das heute als Wartehäuschen für die Busfahrenden genutzt wird und Teil der Arte Castasegna ist. Den Namen der im Bergell so präsenten Giacomettis hat H.R. Fricker (*1947, Zürich) in seine Treppenbeschriftung aufgenommen – aus Ehrerbietung gegenüber der Künstlerfamilie, aber auch als eine Art lokaler Berufsbezeichnung. «Sattler», «Krankenschwester», «Cuaföra», «Gemeinderätin», «Inventore», «Ducaniér», «Anwältin» liest man, wenn man die Stufen nimmt, die durch den Edelkastanienwald gen Soglio führen. Der Gemeinderat habe seine Bewilligung für das Projekt mit der Auflage verbunden, dass die Beschriftung nach einem Jahr verschwunden sei, erzählt Fricker, und ein Alberto Giacometti habe ihm die entsprechende Farbe empfohlen. Zu den Berufen – auch den heute ausgestorbenen – gekommen ist Fricker anlässlich des einwöchigen Aufenthalts, den die Künstler/innen zur Vorbereitung in der Villa Garbald verbrachten. Ein Mann habe sich «Führer» genannt, sagt der Künstler, aber dieses Wort habe er nicht in seine Treppe einschreiben wollen – also eine «Führerin» daraus gemacht. «Statistisch» ist die Berufsauswahl also nicht, aber sie vermittelt eine Atmosphäre für die dörfliche Durchmischung. Lässt man sich ein auf die künstlerischen Interventionen der Arte Castasegna, erfährt man viel über das Dorf und seine Geschichte – was für die Kunst-Tourist/innen, aber wohl ebenso für die Dorfbewohner/innen gilt. «Alltäglichkeiten» werden gezeigt, erzählt, verrückt, der Zuwendung für Wert erachtet, womit man erfährt, was man nicht wusste, beziehungsweise wusste, aber möglicherweise wenig schätzte. Neben diesem künstlerischen Erzählen um Dinge und Menschen herum, ist gerade in peripheren Lagen die Integration der Anwohner/innen wichtig – und dies kann auf viele Weisen geschehen: über Hütedienste, Raumangebote und sonstige Hilfeleistungen und über das Gespiegeltwerden und teilweise auch unmittelbare Mitwirken der Dorfbewohner in und an den Kunstprojekten. Auch der Einbezug regionaler und nationaler Künstler/innen ist wichtig, um einer «Fremdbesetzung» zu entgehen. Die von Luciano Fasciati zusammen mit Céline Gaillard und Misia Bernasconi für den Verein Progetti d’arte in Val Bregaglia kuratierte Arte Castasegna überzeugt und man kann sich freuen auf die ab 2020 geplante Bregaglia Biennale. Weitere beteiligte Künstler/innen sind: Piero Del Bondio, Michele Ciacciofera, Katalin Deér, Gabriela Gerber & Lukas Bardill, Michael Günzburger, Carmen Müller, Valentina Stieger. 

Bis 
21.10.2018

Podiumsgespräch «Das Dorf als Chance», 8.9.2018, 17 Uhr; Festival C-SIDE von San Keller, 8.9.2018

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