Bharti Kher — Chimeras

Bharti Kher · Father, 2016, Wachs, Holz, Gips, 148 x 70 x 94 cm, Ausstellungsansicht Kunsthaus Centre d’art Pasquart, Courtesy Hauser & Wirth. Foto: Julie Lovens

Bharti Kher · Father, 2016, Wachs, Holz, Gips, 148 x 70 x 94 cm, Ausstellungsansicht Kunsthaus Centre d’art Pasquart, Courtesy Hauser & Wirth. Foto: Julie Lovens

Besprechung

‹An absence of assignable cause›, 2007, heisst ein riesengrosses Herz aus Glasfaser, das am Boden im Foyer vom Kunsthaus liegt. Tausende von winzigen Bindis umkleiden die Oberfläche und deuten auf die mikroskopischen Bewegungen im Gewebe. Bharti Khers Arbeit ist sowohl überschaubar als auch rätselhaft.

Bharti Kher — Chimeras

Biel/Bienne – Selbstklebende Bindis, die zwischen die Augen zu platzierenden Punkte, sind heute in jeglicher Grösse und Farbe zu finden. Aber schon eine einfache Variante des hinduistischen Accessoires spiegelt ein komplexes kulturelles Erbe. Mehr Information zu relevanten Themen wie diesem wäre für das Bieler Publikum dienlich gewesen. Umso mehr, als Bharti Kher (*1969) eine ungewöhnliche Position einnimmt; sie ist in Grossbritannien aufgewachsen und erst später nach Indien gezogen – heute bedient sie sich verschiedenster Referenzen aus beiden Kontinenten. Die ersten Arbeiten in Khers Ausstellung erwecken eine Vorstellung von Ordnung und Gleichgewicht. Dazu gehören grosszügige Skulpturen aus Holz wie das von der Decke pendelnde ‹Equilibrium 1›, 2014: Innerhalb eines dreieckigen Rahmens balanciert elegant die Nadel eines Zirkels, während das Dreieck und der Zirkel an einem Seil hängen, das am Boden von einer Granitsäule beschwert wird. Im nächsten Raum stossen wir auf ‹Virus VIII›, 2017, ein Plakat mit einer Auflistung von menschlichen Entwicklungsschritten und Umweltschäden von 2010 bis 2039. Die Liste stellt zugleich einen historischen Rückblick und eine Prognose dar, und wir erfahren bspw. dass jedes Jahr ein unauffindbares Virus freigesetzt wird. Da drängt sich die Frage auf: Gibt es diese Viren wirklich oder bezeichnet Kher damit eine Idee, die sich viral verbreitet? Zum Plakat gehören eine schicke Präsentationsbox und ein Wandbild mit halluzinogenen, konzentrischen Kreisen, hergestellt aus dunklen Bindis. Eine Etage höher begegnen wir in ‹Links in a Chain (1–12)›, 2016, einer Reihe freistehender Rahmen aus Metall, in denen vergrösserte Seiten aus englischsprachigen Büchern für Abc-Schützen gezeigt werden. Die Naivität – bis Dummheit – dieser Seiten wird mit einer Menge Bindi-Muster, anatomischen Illustrationen und gemaltem Text zusätzlich akzentuiert. Eine Illustration der jungen Sally mit Regenschirm wird mit einer Liste weiblicher Sekretionen überschrieben. Das körperliche Thema entwickelt sich im letzten Saal zu einer pointierten Gegenüberstellung zwischen den Geschlechtern: ‹Contents›, 2010, besteht aus 21 geschmückten medizinischen Darstellungen vom schwangeren weiblichen Körper, von Fötus und Geburt. Drei Wände werden damit überzogen. Im Hohlkörper der zentralen, lebensgrossen, aus Glasfaser und Wachs bestehenden Vater-Figur ‹Father›, 2016, gähnt ein grosses Loch. Postuliert die Künstlerin damit, dass ein Mann auch «nur» ein Kanal sein könnte? 

Bis 
26.08.2018
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Bharti Kher 29.06.201826.08.2018 Ausstellung Biel/Bienne
Schweiz
CH
Künstler/innen
Bharti Kher
Autor/innen
Aoife Rosenmeyer

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