Bouchra Khalili

Bouchra Khalili · Foreign Office, 2015, vidéo. Courtesy Galerie Polaris, Paris © ProLitteris

Bouchra Khalili · Foreign Office, 2015, vidéo. Courtesy Galerie Polaris, Paris © ProLitteris

Hinweis

Bouchra Khalili

Paris — Beim Betreten dieser grossen monografischen Ausstellung der 1975 in Casablanca geborenen Bouchra Khalili im Jeu de Paume begegnet man einem konzeptuell-politischen Ansatz, der nicht bloss künstlerisch formt, sondern fordert. Fordert anders zu sehen, sich von anderen erzählen zu lassen. Zum Beispiel von deren Wegen über das Mittelmeer: ‹The Mapping Journey Project (2008–2011)›, mit der die mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnete Khalili internationale Bekanntheit erlangte, besteht aus acht Videos, auf der eine Hand mit einem Filzstift auf einer Karte Wegverläufe einzeichnet. Dazu erzählen die zu den Händen gehörigen Stimmen per Kopfhörer von Wegen und Umwegen, die nach Europa führten. Nicht immer sind es Schreckensgeschichten, gibt es auch Rettung, bescheidenen Wohlstand oder teils absurde Einfälle auf der Jagd nach dem Überleben. Obwohl sie die Betroffenen nicht mehr «wie Insekten betrachten», wie es der bedeutende senegalische Filmemacher Ousmane Sembene einst dem französischen Dokumentarfilmer Jean Touch vorwarf, egalisieren die Videos Unterschiede. Ihre auf zeichnende Hände und Karten – Machtwerkzeug herrschender Weltbildner – reduzierte Ästhetik suggeriert visuell eine Identität der durch Globalisierung Vertriebenen. Dem Bild stehen die jeweils singuläre Geschichte, das als Oral History vermittelte je eigene Hoffen und Wünschen entgegen. Egalisierende Ästhetik als Methode – im Sinne einer Wahrnehmungsbegrenzung und einer daraus resultierenden Realitätsformung – prägt Khalilis Video-Installationen und Fotoarbeiten: Bisweilen spröde wird gefordert, sich einzulassen. Fast fühlt man sich in die Schulbank gedrückt, um mit bisher ungewussten Geschichten konfrontiert zu werden. Mit Pasolini als Vorbild tritt die Künstlerin, die 2006 mit Yto Barrada die Cinémathèque von Tanger gründete, heute Professorin an der Osloer Kunstakademie und für Guggenheims Hugo Boss-Preis nominiert ist, als engagiert-poetische Künstlerin auf. Ihre filmische Arbeit will den Blick zum Widerstand erziehen. Auch im Jeu de Paume wird die Aufmerksamkeit gelenkt, Lernbereitschaft geschaffen für die Welt, wie sie uns Bouchra Khalili erzählen lässt. Der Weg von der Ästhetik der Migration zu einer des Wider- oder gar Aufstandes ist damit noch nicht geöffnet. Es fehlt eine Sensibilisierung für eigenständiges Erkennen eines Machtdiskurses und all der unterirdischen Ströme, die sich aus den Verdrängungen der wohlhabenden globalisierten Gesellschaft nähren. So führt die Ausstellung, ähnlich der documenta 14, auf der ihr Film «The Tempest Society», 2017, Aufsehen erregte, vor die Aporie, die schon die Debatte um den Sozialistischen Realismus nicht lösen konnte: wie vom Bild, das den Blick aufs Reale verstellt, freie, eigenständige Handlungskraft zu deren Veränderung zu beziehen ist. 

Bis 
23.09.2018
Institutionenabsteigend sortieren Land Ort
Jeu de Paume Frankreich Paris
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Bouchra Khalili, Gordon Matta-Clark 05.06.201823.09.2018 Ausstellung Paris
Frankreich
FR
Künstler/innen
Bouchra Khalili
Autor/innen
J. Emil Sennewald

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