Juergen Teller — Fotografie ist unwichtig, wichtig ist das Leben

Self-portrait for Business of Fashion, London 2015 © Juergen Teller

Self-portrait for Business of Fashion, London 2015 © Juergen Teller

Self-reflections, Melancholy and Blood Oranges No. 79, London 2018 © Juergen Teller

Self-reflections, Melancholy and Blood Oranges No. 79, London 2018 © Juergen Teller

Self-reflections, Melancholy and Blood Oranges No. 67, London 2018 © Juergen Teller

Self-reflections, Melancholy and Blood Oranges No. 67, London 2018 © Juergen Teller

Oman, Malgosia on Sigmund Freud’s couch, Oman No. 5, 2006-2017 © Juergen Teller

Oman, Malgosia on Sigmund Freud’s couch, Oman No. 5, 2006-2017 © Juergen Teller

Oman, Malgosia on Sigmund Freud’s couch, Oman No. 5, 2006-2017 © Juergen Teller

Oman, Malgosia on Sigmund Freud’s couch, Oman No. 5, 2006-2017 © Juergen Teller

Oman, Malgosia on Sigmund Freud’s couch, Oman No. 5, 2006-2017 © Juergen Teller

Oman, Malgosia on Sigmund Freud’s couch, Oman No. 5, 2006-2017 © Juergen Teller

Fokus

Der Fotograf, der sich selbst gern fotografiert – am liebsten nackt und mit Löchern in den Socken. So sein Ruf. Doch sieht man sich seine Ausstellung im Fotomuseum Winterthur genauer an, so merkt man: Seine Arbeit ist weitaus mehr als Provokation. Ein Gespräch mit Juergen Teller über Fotografie und den kitschig-ernst gemeinten Aufruf ‹Enjoy Your Life›.

Juergen Teller — Fotografie ist unwichtig, wichtig ist das Leben

Bernardi: Juergen, deine Arbeit wird oft als grell beschrieben, du als wahnwitziger Künstler. Findest du, dass das zutrifft?

Teller: Das finde ich nicht, sowas liegt mir eigentlich auch nicht. Natürlich lässt beispielsweise das Video von mir und Charlotte Rampling Spielraum für Interpretationen. Aber ich finde das eigentlich sehr romantisch, was ich da gemacht habe. Ich interessiere mich sehr für das, was manch einem vielleicht als seltsame Bildkomposition vorkommen mag, wie in der Serie ‹Malgosia on Sigmund Freud’s couch›, in der ich den weiblichen Körper einer Wüstenlandschaft in Oman gegenüberstelle. Ich finde nicht, dass das grell ist.

Bernardi: Auch deine neueste Arbeit ‹Self-reflections, Melancholy and Blood Oranges› ist ja alles andere als grell.

Teller: Als die Serie entstand, war ich sehr oft allein in meinem Studio. Ich war traurig und habe versucht, persönliche Probleme zu verarbeiten. In der Vergangenheit habe ich dies oft getan, indem ich mich selbst fotografiert habe. Das hat mir geholfen. Diesmal habe ich auf meine ersten Selbstporträts zurückgeschaut und daraus Collagen gemacht. Zur gleichen Zeit hatte ich diesen Plastikdinosaurier, dem nach und nach die Luft ausgegangen ist. Den habe ich dann ebenfalls fotografiert.

Bernardi: Wieso hast du dich für diese Arbeit in Winterthur entschieden?

Romantisch und einfühlsam

Teller: Es ist aufregend, neue Arbeiten zu zeigen. Ausserdem denke ich, dass es für viele überraschend war, wie romantisch und einfühlsam die Serie ist. Diese Seite von mir wollte ich auch zeigen und habe darum bewusst den ersten und grössten Raum der Ausstellung dafür gewählt.

Bernardi: Und doch wirst du oft mit anderen Bildern in Verbindung gebracht.

Teller: Als ich Kristen McMenamy oder Vivienne Westwood nackt fotografiert habe, wurde das häufig von der Presse aufgegriffen. Solche Bilder werden oft als schockierend empfunden. Für mich sind sie es überhaupt nicht. Ich fotografiere Vivienne Westwood seit 25 Jahren und finde sie unheimlich toll. Ihre politischen Ansichten und ihr Aussehen – die blasse Haut, das orangene Haar – gefallen mir sehr. Nachdem ich sie lange Zeit in ihren eigenen Kollektionen abgelichtet habe, fragte ich mich, wie es wohl wäre, eine ältere Frau nackt zu fotografieren. Sie hat eine unheimlich schöne Aura und etwas sehr Jugendliches an sich. Das hat mich interessiert – nicht die Tatsache, jemanden nackt vor der Kamera zu haben.

Bernardi: Nervt es dich, dass du zumeist mit diesen «provokativen» Bildern in Verbindung gebracht wirst?

Teller: Klar stört mich das. Deswegen zeige ich ja die Show in Winterthur so, wie sie ist.

Fotografiererei, die aus dem Leben kommt

Bernardi: Welches Bild der Ausstellung findest du besonders gelungen?

Teller: Das sind so ziemlich alle (schmunzelt). Beispielsweise das Selbstporträt, das ich für das Magazin ‹Business of Fashion› gemacht habe, auf dem ich Retuschier-Anweisungen notiert habe. Das war eine Reaktion auf die Veränderungen, welche die digitale Fotografie gerade im kommerziellen Bereich mit sich gebracht hat. Der Kunde sieht ja sofort die Aufnahme auf dem Bildschirm, hat gleich eine Meinung dazu und darüber, was er nachträglich noch alles bearbeitet haben möchte.

Bernardi: Inwiefern hat sich der Umgang mit Fotografie noch verändert?

Teller: Heutzutage ist ja jeder Fotograf. Früher war es mal ein richtiger Beruf. Man musste wissen, wie man etwas ausleuchtet oder wie man mit dem Medium umzugehen hat. Heute kann jeder ein gutes Bild mit seinem iPhone machen. Aber trotzdem entsteht nicht unbedingt etwas Originelles, sondern eine Einheitsbrühe von Bildern, die wir alle schon mal gesehen haben.

Bernardi: Wie entsteht denn etwas Originelles?

Teller: Diese ganze Fotografiererei, die sollte ja aus dem Leben kommen. Irgendwas findet man inspirierend und fotografiert es darum. Als ich in Oman im Urlaub war, ging ich oft wandern und war so fasziniert von der Wüste, von diesem Ort, an dem niemand lebt, dass ich angefangen habe, die Umgebung mit dem iPhone aufzunehmen. So entstand die Serie ‹Oman, Malgosia on Sigmund Freud’s couch›. Man muss halt offen sein fürs Leben, um neue Ideen zu haben.

Bernardi: Versuchst du das auch deinen Studierenden beizubringen?

Teller: Ich sage ihnen immer, dass Fotografie eigentlich völlig unwichtig ist. Vielmehr müssen sie erkennen, wie wichtig das Leben ist und was ihnen Spass macht, statt immer nur rumzunörgeln, wie schwierig dieses oder jenes ist.

Bernardi: Also ‹Enjoy Your Life›?

Teller: Eigentlich ist es ein total bescheuerter Titel und doch ist er sehr tiefgründig. Man sollte das Leben geniessen. Es ist viel zu kurz und dazu noch so fragil und komplex. 1988 hat sich mein Vater umgebracht. Das war natürlich ein schwerer Schlag für meine Mutter, für mich und meine Familie. Man hat nur ein Leben und man sollte jeden Moment davon nutzen.

Enjoy Your Life

Bernardi: In der Ausstellung wechseln sich melancholische und humorvolle Momente ab. Wie bringst du diese Gegensätze zusammen?

Teller: Das ist die Quintessenz meiner Arbeit. Ich versuche, auch in tragischen Momenten etwas Humorvolles zu finden. Ein Beispiel: Als 2012 Bayern München gegen Chelsea im Finale der Champions League war, habe ich mich und meinen Sohn, der damals sieben Jahre alt war, dabei fotografiert, wie wir das Spiel geschaut haben. Und ich habe zu ihm gesagt: «I think it’s a win-win situation.» Denn ich wusste: Verliert Bayern München, habe ich die Möglichkeit, die Bilder für viel Geld an Roman Abramowitsch, dem Besitzer von Chelsea, zu verkaufen. So gehe ich die Dinge an. Oder wenn ich ein Shooting plane und die Wetterverhältnisse völlig scheisse sind, versuche ich das Beste daraus zu machen. Ich bin sehr gut darin, schnell zu reagieren und mich den jeweiligen Bedingungen anzupassen.

Nichts ist durchgeplant

Bernardi: Macht diese Herangehensweise deine Arbeit einfacher?

Teller: Es macht sie nervenaufreibender. Aber ich will ja sowohl die Einflüsse der Person als auch des Drehorts in das Bild mit einbringen. Darum sind die meisten Porträts dann auch originell und erfolgreich, weil ich nicht alles durchgeplant habe.

Bernardi: Wie kamst du eigentlich auf die Idee, deine Bilder auf  Teller zu drucken?

Teller: Ich habe fast fünfzig Jahre gebraucht, um zu realisieren: «Das ist ja der Teller, so heiss ich ja» (lacht). Die Idee kommt eigentlich daher, dass mich viele Fotografen kopiert haben. Das hat mich irgendwann gelangweilt und ich habe nach etwas gesucht, das nur mir gehört. Es geht darum, etwas für sich zu beanspruchen, das andere nicht kopieren können. Und wenn ich jetzt dir den Teller gebe, dann ist das ein Selbstpor-trät mit mir. Weil ich ja der Teller bin.

Bernardi: Noch eine letzte Frage: Ist deine Fotografie nun Kunst oder Kommerz?

Teller: Manchmal ist es das eine, manchmal das andere. Eigentlich war mir das nie wichtig, ob ich jetzt Kunst mache oder nicht. Mir geht es darum, gute Arbeit zu leisten. Was auch immer das ist; das müssen andere entscheiden. Ich kategorisiere meine Arbeit lieber als gut oder schlecht, danach ob sie funktioniert oder nicht. Ob das dann Kunst ist oder nicht, ist mir eigentlich egal. Ich will auch nicht in einer Schublade bleiben. Und viele wollen mich in eine Schublade stecken, weil es so einfacher ist, mich zu verarbeiten.

Giulia Bernardi ist freie Journalistin, Texterin und Kunsthistorikerin. giulia.bernardi@outlook.com

Bis 
07.10.2018

Juergen Teller (*1964, Erlangen) lebt in London
1984–1986 Studium an der Bayerische Staatslehranstalt für Photografie in München
Seit 2014 Professor für Fotografie an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg

Einzelausstellungen (Auswahl)
2018 ‹Juergen Teller: Zittern auf dem Sofa›, Garage Museum of Contemporary Art, Moskau
2016–18 ‹Enjoy Your Life!›, Bundeskunsthalle, Bonn; Galerie Rudolfinum, Prag;
Martin-Gropius-Bau, Berlin; Fotomuseum Winterthur
2014 ‹Macho›, Deste Foundation for Contemporary Art, Athen
2013 ‹Woo›, Institute of Contemporary Arts, London
2011 ‹Man with Banana›, Dallas Contemporary
2010–11 ‹Touch Me›, Le Consortium, Dijon; Daelim Museum, Seoul
2010 ‹Calves and Thighs›, Alcala 31, Madrid
2009 ‹Logisch›, Kunsthalle Nürnberg
2006 ‹Do You Know What I Mean›, Fondation Cartier pour l’art contemporain, Paris
2004 ‹Ich bin vierzig›, Kunsthalle Wien
2002 ‹Märchenstüberl›, Münchner Stadtmuseum
1998 ‹Juergen Teller›, The Photographer’s Gallery, London

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Jürgen Teller - Enjoy Your Life! 02.06.201807.10.2018 Ausstellung Winterthur
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Autor/innen
Giulia Bernardi
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Jürgen Teller

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