Kunst studieren — Wie in der Welt sein?

Studierende an der Hochschule Luzern – Design & Kunst. Foto: Filip Dujardin

Studierende an der Hochschule Luzern – Design & Kunst. Foto: Filip Dujardin

Summer School 2016 an der ZHdK, Departement Kunst & Medien: die Künstler/innen und Gastdozierenden Georgia Sagri (Athen), Shaina Anand und Ashok Sukumaran (Mumbai) mit Kunststudierenden aus Zürich, Alexandria, Hangzhou, Hong Kong, Johannesburg, Mexico City, Delhi, St. Petersburg und Palermo.

Summer School 2016 an der ZHdK, Departement Kunst & Medien: die Künstler/innen und Gastdozierenden Georgia Sagri (Athen), Shaina Anand und Ashok Sukumaran (Mumbai) mit Kunststudierenden aus Zürich, Alexandria, Hangzhou, Hong Kong, Johannesburg, Mexico City, Delhi, St. Petersburg und Palermo.

Rachel Mader ist Kunstwissenschaftlerin und leitet den Forschungsschwerpunkt Kunst, Design & Öffentlichkeit am Departement Design & Kunst der Hochschule Luzern.

Rachel Mader ist Kunstwissenschaftlerin und leitet den Forschungsschwerpunkt Kunst, Design & Öffentlichkeit am Departement Design & Kunst der Hochschule Luzern.

Christoph Schenker ist Leiter des Institute for Contemporary Art Research und lehrt im Master Fine Arts des Departements Kunst & Medien an der Zürcher Hochschule der Künste.

Christoph Schenker ist Leiter des Institute for Contemporary Art Research und lehrt im Master Fine Arts des Departements Kunst & Medien an der Zürcher Hochschule der Künste.

Fokus

Die Auswahl an Fine-Arts-Studiengängen ist gross. Während sich die Hochschulen einerseits alle mit denselben Rahmenbedingungen konfrontiert sehen, bemühen sie sich andererseits um ein eigenständiges Profil. Ein Gespräch mit Rachel Mader, HSLU, und Christoph Schenker, ZHdK, über Kompetenzen, politischen Diskurs und das Berufsbild Künstler/in.

Kunst studieren — Wie in der Welt sein?

Rieben: Die Studienangebote werden immer komplexer – gibt es spezifische Anliegen, die für das Fine Arts Programm Ihrer Hochschule zentral sind?
Mader: Der Master of Fine Arts an der Hochschule Luzern/HSLU verfügt über drei inhaltliche Vertiefungen: Art Teaching (Kunstvermittlung), Image Practice (Künstlerische Projekte) und Art in Public Spheres (Kunst im und mit dem öffentlichen Raum). Allen diesen Ausrichtungen liegt ein Selbstverständnis zugrunde, das künstlerische Praxis als gesellschaftlich engagiertes Handeln erachtet. Das ist auch der Hintergrund dafür, dass der Abschluss aller Vertiefungen nicht in einem White Cube stattfindet, sondern die Studierenden aufgefordert sind, sich mit einem konkreten sozialen Umfeld auseinanderzusetzen.
Schenker: Die Grösse des Fine Arts Departements an der Zürcher Hochschule der Künste/ZHdK ermöglicht eine bemerkenswerte Breite und Dichte an aktuellen künstlerischen Positionen. Von langer Tradition her ist in Zürich auch Kuratorische Praxis in das Kunststudium integriert, und seit jeher ist hier die Theoriekompetenz sehr hoch. In den letzten zehn Jahren spielten Gender-, Postcolonial-, Postmedium- und Postdigital-Positionen und auch Transkulturalität eine bedeutende Rolle. Dies alles ist mit einem Verständnis von Contemporary Public Art verknüpft, das Kunst als ein Tätigsein begreift, das sich öffentlichen Angelegenheiten widmet und damit öffentliche Debatten auslöst, in sie interveniert oder zu ihnen beiträgt.

Mit engagierter Haltung Strukturen mitgestalten
Rieben: Sprechen wir von «gesellschaftlich engagiertem Handeln» und «öffentlicher Angelegenheit»: Im Zusammenhang mit Kunst stellt sich immer auch die Frage nach deren Positionierung heute. Inwieweit bedingt eine künstlerische Praxis eine politische Haltung? Fördert Ihre Hochschule einen politischen Diskurs?
Mader: Wir sprechen nicht von einer politischen, sondern von einer engagierten Haltung. Eine solche setzt sich mit dem Kontext, in dem sie wirkt, konstant auseinander hinsichtlich eines aktiven Umgangs damit. Das ist in jedem Fall politisch, aber als Begriff scheint mir «politisch» in dem Zusammenhang zu eng. Unsere Hochschule fördert diese Form des Arbeitens auf fast allen Ebenen als inhaltliche Auseinandersetzung, besonderes Augenmerk richten wir aber auf die Art und Weise, wie wir uns innerhalb der vorgegebenen Strukturen, die es nun mal gibt, bewegen. Da fordern wir von allen, die Rahmenbedingungen nicht nur zu akzeptieren, sondern sie wo immer möglich auch mitzugestalten.
Rieben: Ich stelle den Begriff der politischen Haltung deshalb in den Raum, weil viele meiner Kommiliton/innen die Frage beschäftigte, ob ihre Kunst gesellschaftsrelevante Aussagen macht und machen sollte. Natürlich ist dies nur ein Anliegen unter vielen, jedoch denke ich, dass die Frage nach der politischen Relevanz der Kunst oft in einer Diskussion untergeht, die ihre Argumente selten ausserhalb des Kunstfeldes findet. Eine verstärkte Diskussion über Politik vermag diese Selbstreferentialität vielleicht zu durchbrechen. Haltungen würden differenziert gestärkt, und die Verantwortung, die wir alle tragen, konstruktiv unterstrichen, um schliesslich Wege zu finden, mit dieser Verantwortung umzugehen.

Politik: Überforderung oder Notwendigkeit?
Mader: Ist es nicht eine heillose Überforderung an die Künste oder an eine künstlerische Praxis, sich auf das politische Weltgeschehen beziehen zu müssen? Kann sie da nicht sowieso nur scheitern, weil klar ist, dass sie nichts «erreichen» kann? Dass es so etwas gibt wie ein politisches Bewusstsein hinsichtlich grösserer oder auch bescheidenerer Kontexte, scheint dagegen klar die Ebene zu sein, auf der Kunst zur Reflexion anregen kann. Diese Ebene ist aber im Feld des Politischen nicht in einer Weise etabliert, dass sie zum Tragen kommen könnte.
Schenker: Die Hochschulen fördern den politischen Diskurs nicht. Im Gegenteil. Es fehlen der Mut und die Grösse, die öffentliche Debatte zur Meinungsbildung zu nutzen, die eigene Meinung und die der andern zu überprüfen. Den Institutionen fehlen Visionen, Standpunkte, Obsessionen, die Kritikfähigkeit. Den Studierenden jedoch, auch einem Teil der Dozierenden fehlen sie nicht. Die Kompetenz zu Kritik, die für das Gelingen der künstlerischen Arbeit unabdingbar ist, greift mitunter auch in die Institutionen hinein und über sie hinaus.
Rieben: Während des Studiums sieht man sich ständig mit der Frage konfrontiert, inwiefern die eigene Tätigkeit von inhaltlicher Relevanz ist. Dieser Umstand wird  durch den gelegentlichen Verdacht verstärkt, man befinde sich in einer «Blase», und dies führt schliesslich zur nächsten Frage: Was geschieht danach? Studienangebote lesen sich nicht selten wie ein Zukunftsversprechen, nach dem Studium jedoch können lediglich 4% der Absolvent/innen von der Kunst leben. Sehen wir von der Entwicklung des künstlerischen Anliegens und Ausdrucks einmal ab, inwieweit bereitet einen das Kunststudium auf ein späteres Berufsleben vor?
Mader: Das Versprechen eines Kunststudiums ist es genau, dass es nicht auf ein enges Verständnis eines Berufsprofils zielt, sondern nebst fachspezifischen Qualifikationen Kompetenzen und Haltungen vermittelt werden, die auf die aktuellen gesellschaftlichen Konstellationen vorbereiten: auf ein selbstverantwortliches, kritisch reflektiertes und engagiertes Agieren, das um die Potenz kreativer Strategien weiss.

Kunstschaffende heute und morgen
Schenker: Als Studentin lernst du unter anderem spezifische Instrumente und Techniken einzusetzen, Problemstellungen aufzunehmen und dich in einem professionellen Umfeld, zu dem auch der Ausstellungsbetrieb zählt, geschickt zu verhalten. Das aber ist erst die Beherrschung der Infrastruktur. Diese ermöglicht es dir, im Bereich des Sinnlichen wichtige Fragen deines Lebens zu stellen. Erst das ist es, was dich zur Künstlerin macht. Diese Kompetenz zu entwickeln, erfordert Zeit, die weit über die eigentliche Studienzeit hinausgeht. Die genannten 4% stimmen so nur, wenn man den Blick auf den Kunstmarkt einschränkt. Ich behaupte, dass 75% der Absolventen/innen weiterhin ihre genuin künstlerischen Kompetenzen einsetzen, die sie im Kunststudium erworben haben, auch wenn sie nach der Ausbildung nicht mehr im Kunstfeld im engeren Sinn arbeiten.
Rieben: Von der Zukunftsfrage zurück ins Jetzt. Geben Sie doch eine Empfehlung ab: Wer soll heute Kunst studieren?
Schenker: Jeder, der mit der Welt, wie sie sich ihm zeigt, nicht zufrieden ist. Der auch den Mut hat, dies unmissverständlich mitzuteilen. Und der keine Furcht davor hat, dass ihm der Boden unter den Füssen weggezogen wird.

Nina Rieben ist Künstlerin und studierte Fine Arts an der Hochschule der Künste Bern. Sie lebt und arbeitet in Bern und Arles. nina-rieben@hotmail.com

Zürcher Hochschule der Künste
Die ZHdK ist die grösste Kunsthochschule der Schweiz und besteht aus den Departementen Darstellende Künste & Film, Design, Kulturanalysen und Vermittlung, Kunst & Medien, Musik. Der Bachelor in Kunst & Medien verfügt über verschiedene Praxisfelder, aus denen die Studierenden 1–3 vertieft studieren: Malerei/Zeichnung, Fotografie, Installation/Skulptur, Video/Bewegtbild, Sound, Performance, Sprache, Digitalität. Der Master umfasst die Bereiche Medialität, Theorie, Handlungsorientierung, Transkulturalität. Der Fokus der Ausbildung liegt auf der künstlerischen Praxis, die eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Theoriefeldern mit einschliesst. Die ZHdK ist international mit über 150 Partnerschulen vernetzt, mit denen regelmässige Kooperationen stattfinden.

Hochschule Luzern – Design & Kunst
Die HSLU ist die älteste Kunsthochschule der Deutschschweiz. Das Studienangebot umfasst die Bachelor-Studiengänge Animation, Video, Camera Arts, Digital Ideation, Graphic Design, Illustration,
Objektdesign, XS Schmuck, Textildesign, Design Management, International, Kunst & Vermittlung sowie die Master-Studiengänge Design, Film, Kunst. Die Angebote sind praxisnah und bereiten auf den Einstieg in die Kunst und die Kreativwirtschaft vor. Den rund 700 Bachelor- und Master-Studierenden stehen Werkstätten und Labors zur Verfügung (u.a. Druckwerkstatt, Textilwerkstatt, Farblabor, 3D-/Kunststoffwerkstatt). Zudem verfügt die Hochschule über ein internationales Netzwerk an Partnerhochschulen und pflegt Kontakte zu Institutionen wie dem Kunstmuseum Luzern oder dem Fumetto.
 

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