Manifesta 12 — Schützt eure Gärten

Santa Maria dello Spasimo, Copyright Manifesta 12 Palermo. Foto: Cave Studio

Santa Maria dello Spasimo, Copyright Manifesta 12 Palermo. Foto: Cave Studio

Orto Botanico, 2017, Courtesy Manifesta 12 Palermo. Foto: Cave Studio

Orto Botanico, 2017, Courtesy Manifesta 12 Palermo. Foto: Cave Studio

Laura Poitras · Manifesta 12 Palermo, 2018. Foto: Wolfgang Träger

Laura Poitras · Manifesta 12 Palermo, 2018. Foto: Wolfgang Träger

Tania Bruguera · Manifesta 12 Palermo, 2018 © ProLitteris. Foto: Wolfgang Träger

Tania Bruguera · Manifesta 12 Palermo, 2018 © ProLitteris. Foto: Wolfgang Träger

Tania Bruguera · Masbedo, Manifesta 12 Palermo, 2018 © ProLitteris. Foto: Wolfgang Träger

Tania Bruguera · Masbedo, Manifesta 12 Palermo, 2018 © ProLitteris. Foto: Wolfgang Träger

John Gerrard · Manifesta 12 Palermo, 2018. Foto: Wolfgang Träger

John Gerrard · Manifesta 12 Palermo, 2018. Foto: Wolfgang Träger

Forensic Oceanography · Manifesta 12 Palermo, 2018. Foto: Wolfgang Träger

Forensic Oceanography · Manifesta 12 Palermo, 2018. Foto: Wolfgang Träger

Uriel Orlow · Manifesta 12 Palermo, 2018 © ProLitteris. Foto: Wolfgang Träger

Uriel Orlow · Manifesta 12 Palermo, 2018 © ProLitteris. Foto: Wolfgang Träger

Fokus

Mit dem poetischen Motto ‹Il Giardino Planetario. Coltivare la Coesistenza› geht die Manifesta – die europäische Wanderbiennale – dieses Jahr in ihre zwölfte Ausgabe. In Palermo, der kosmopolitischen Hauptstadt Siziliens, wird dieses Thema aus der eigenen Perspektive reflektiert – einer Perspektive der Kultur, der Würde und des Respekts. 

Manifesta 12 — Schützt eure Gärten

«Bürger/innen, schützt eure Gärten» ist auf einem etwas improvisiert wirkenden Schild in der Gartenanlage der Villa Giulia zu lesen. Dieser einzigartige klassizistische Garten, von dem schon Goethe begeistert war, grenzt direkt an den Orto Botanico, der im Revolutionsjahr 1789 gegründet wurde und zu den ältesten botanischen Gärten Europas zählt. Die metaphorische Umdeutung des Gartens zum «Planetarischen Garten» ist das zentrale Thema der Manifesta 12, und so kommt es, dass ein Manifesta-Besuch auch einen Besuch des botanischen Gartens Palermos beinhaltet, weniger aus gartenbaulichen, denn aus kulturellen Gründen allerdings. Der Orto Botanico mit seinen verwunschenen, überwachsenen Wegen und den meterdicken Baumstämmen und Luftwurzeln der Gummibäume ist einer der verzaubernden Freiluftschauplätze der Manifesta – die Koexistenz der unterschiedlichsten Pflanzenarten scheint hier das Ausstellungskonzept des Kuratorenteams quasi vorweggenommen zu haben. Der Garten als Ort des Kultivierens steht bei der Manifesta auch für das menschliche und interethnische Zusammenleben. Bei aller Absehbarkeit der ausgewählten Arbeiten, die sich zu einem Grossteil mit Migration und kultureller Diversität beschäftigen, generierte dieses Thema auch Werke, die einen weiteren historischen, sozialen oder urbanistischen Horizont abdecken.

Wunschbäume
So erfährt man etwa in der mehrteiligen Installation ‹Whishing Trees› von Uriel Orlow (*1973, Zürich), dass zum Kampf gegen die Mafia auch so etwas wie Achtsamkeit gegenüber der Umwelt gehört: In einem mehrere Punkte umfassenden Forderungskatalog – darunter die Bitte, Abfälle und das unachtsame Wegwerfen von Müll zu vermeiden («Bürger/innen, schützt eure Gärten!») – artikulierten sich palermitanische Frauen und engagierten sich im Kampf gegen die Mafia. Das Interview mit Simona Mafai, einer der Protagonistinnen in diesem Anti-Mafiakampf der 1990er-Jahre, ist ebenso Teil der Installation wie eine Dokumentation über Palermos Stadtheiligen San Benedetto, der als erster farbiger Heiliger der katholischen Kirche gilt. Es gehört zu den schönen Traditionen der Manifesta, dass jeweils Ausstellungsorte abseits der üblichen Kulturinstitutionen gesucht werden. Und so eignet sich ein Besuch Palermos auch für eine alternative touristische Tour. Eine Tour, die einen in diverse Gebäude führt, an denen man auch einiges über die ansonsten sehr verborgene Geschichte der sizilianischen Hauptstadt erfährt. Der Palazzo Butera etwa, die Location, an der Uriel Orlows Installation zu sehen ist. Das von aussen unscheinbare Palais in der Nähe des Hafens wurde im späten siebzehnten Jahrhundert errichtet und ist erst vor Kurzem renoviert worden. Im Inneren beherbergt es Fresken aus dem 18. Jahrhundert, die Allegorien der früheren Besitzer/innen darstellen. Aber interessanter ist, dass im Garten die Wurzeln des exotischen Jacarandabaums gefunden wurden, die über den Umweg vom botanischen Garten auch in die aristokratischen Gärten fanden und Dank der Wasserversorgung dort bis heute überlebt haben. Unweit des Palazzo Butera liegt auch der Palazzo Forcella De Seta im ältesten Teil Palermos, in Kalsa. Das massive Äussere erinnert an die arabischen Ursprünge des Viertels. Der Palazzo beherbergt denn auch Mosaiken im Stil der Alhambra, die der adlige italienische Besitzer im 19. Jahrhundert anbringen liess: ein Konglomerat verschiedenster Kulturen und Baustile, die typisch sind für Palermo und die diese Stadt geprägt haben. Die Arbeiten, die sich über das gesamte erste Stockwerk ziehen, beschäftigen sich mit Überwachungssystemen, die in unseren Alltag greifen, die aber auch zur Segregation gegenüber Migrant/innen benutzt werden: Das 2011 in London von Charles Heller (*1981) und Lorenzo Pezzani (*1982) gegründete Künstlerduo Forensic Oceanography widerlegt beispielsweise die Vorwürfe, Rettungs-NGOs im Mittelmeer hätten mit Schmugglerbanden kooperiert. Die mehrteilige Videoinstallation ‹Liquid Violence›, 2018, verbindet Recherchematerial und ausgewertete Computerdaten, um Flüchtlingsrouten und Schlepper- bzw. Rettungsboote und -wege nachzuzeichnen und entsprechend den offiziellen Darstellungen zu verifizieren oder zu falsifizieren: Die Arbeit ist letztlich auch eine spannende Kriminalstory mit bedrückendem Realitätsgehalt.

Palazzo Ajutamichristo
Der gebürtige Ire John Gerrard (*1974) verwendet für seine aufwendigen Rekonstruktionen von imaginären oder nicht dokumentierten Ereignissen Datenmaterial unterschiedlicher Aufzeichnungssysteme. Für ‹Untitled (near Parndorf, Austria)›, 2018, rekonstruierte er mittels Fotografien den Ort eines Dramas auf einer österreichischen Autobahn nahe der ungarischen Grenze. Im August 2015 wurde hier ein Kühl-Lastwagen mit 71 toten, aus dem Irak, aus Afghanistan, Syrien und dem Iran stammenden Flüchtlingen gefunden. Der Lenker des Wagens hatte Fahrerflucht begangen – und wurde erst vor kurzem zu einer jahrelangen Haftstrafe verurteilt. Gerrard fasst das Grauen in cleane Bilder voll irrealem Pathos. Eine weitere herausragende Arbeit in diesem so wundersam notdürftig restaurierten Palazzo ist Laura Poitras’ (*1964, Boston) Installation über die militärische US-Satellitenbasis MUOS im Süden Siziliens. Hier, in einem versteckten Korkeichenwald, befragt Poitras mittels suggestiver Drohnenbilder die Präsenz einer fremden Militärmacht, die mit aggressiven und arroganten Okkupationsmethoden die lokale Bevölkerung missachtet, auch da, wo sie augenscheinlich Friedliches im Sinn hat (wie im Beitrag eines italienischen Regisseurs zu den Aktivitäten einer religiösen Sekte, deren Priester amerikanische Migrant/innen bekehren). An einem andern Schauplatz beschäftigt sich auch Tania Bruguera (*1968, Havanna) mit dem MUOS, dem Mobile User Objective System. Sie dokumentiert die Protestaktionen der Bevölkerung gegen diese Militärpräsenz, die für ihre Aktivitäten den Aachener Friedenspreis 2017 erhalten hat. Der Name des Palazzos, in dem diese Installation wie auch weitere von Trevor Paglen, Filippo Minelli oder Lydia Ourahmane gezeigt werden, ist hier selbstredend: Palazzo Ajutamicristo. Die Arbeiten werden unter dem ebenso sprechenden Titel ‹Out of Control› subsumiert. Der Blick, den man, begleitet von einem lauen Lüftchen, vom Gang auf der Gebäuderückseite aus Richtung Meer geniesst, lässt einen diese Dystopie im ersten Moment vergessen: Das Panorama, das hier offenliegt, bietet zwar keine sensationellen Stadtattraktionen, es berührt aber mit einer unsentimentalen Herbheit, wie sie einem in den Hinterhöfen Palermos begegnet.

Warum Palermo?
Was einen für diese Stadt besonders einnimmt, ist die Offenheit, mit der hier dank des engagierten Bürgermeisters Leoluca Orlando und der Öffentlichkeit Flüchtlinge betreut und aufgenommen wurden. Ihr Kampf gegen Illegalität und Kriminalität nicht zuletzt gegen die Mafia, wurde auf vielen Ebenen, auch kulturell, geführt («Bürger/innen, schützt eure Gärten»). Eine überaus sehenswerte Installation, die auch von diesem spezifischen kulturellen Klima Palermos handelt, ist die Arbeit des 1999 von Niccolò Massazza (*1973) und Iacopo Bedogni (*1970) gegründeten italienischen Videokollektivs Masbedo. Ein fahrendes «Videomobile» macht sich auf die Spuren des sizilianischen Kinos und besucht auch die Vororte Palermos. Mit dabei sind beeindruckende Interviews mit Historiker/innen und Intellektuellen, in denen beispielsweise die Verfilmung von Lampedusas berühmter Novelle ‹Il Gattopardo› mit einem politischen Filter beleuchtet, oder die Rolle der Erinnerung mit einem Diskurs über Historizität und einem atemberaubenden Spielort in einem verstaubten Saal des Staatsarchivs überblendet wird. Was macht die Faszination des Gesamt(kunst)werks Palermo aus? Ist es die Entdeckung wundersamer Orte mit verborgenen Präsenzen? Die Manifesta 12 ist vielleicht weniger komplex als manche ihrer Vorgängerinnen, aber ihre Matrix – die Stadt Palermo – ist es keinesfalls: Hier kann man eine grossartige Lektion im Respekt dem Anderen gegenüber verbunden mit einem Verzicht auf eigene Privilegien lernen. Und zwar sowohl inner- als auch ausserhalb der Schönheit der alten Gemäuer.
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Patricia Grzonka ist Kunst- und Architekturkritikerin und lebt in Wien. www.patriciagrzonka.net

Bis 
04.11.2018
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Manifesta 12 16.06.201804.11.2018 Grossausstellung/Festival Palermo
Italien
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