Olia Lialina — Über Raum und Zeit des Internet

Self-Portrait, 2018, Screenshot

Self-Portrait, 2018, Screenshot

Lossless, 2018, Ausstellungsansicht Roehrs & Boetsch Gallery, Zürich. Foto: Michael Harald Dellefant

Lossless, 2018, Ausstellungsansicht Roehrs & Boetsch Gallery, Zürich. Foto: Michael Harald Dellefant

Summer, 2013, Screenshot

Summer, 2013, Screenshot

My Boyfriend Came Back from the War, 1996, Screenshot

My Boyfriend Came Back from the War, 1996, Screenshot

Dancing Girl, Chuck Poynter, 1996, Gif Animation

Dancing Girl, Chuck Poynter, 1996, Gif Animation

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Dancing Girl, Chuck Poynter, 1996, Gif Animation

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Dancing Girl, Chuck Poynter, 1996, Gif Animation

Fokus

Olia Lialina gewann mit der Arbeit ‹Self-Portrait› den ‹Netbased Art Award› 2018. Die Prämierung bietet einen Anlass, sich näher mit dieser Arbeit und dem Gesamtwerk der Pionierin der Netzkunst zu beschäftigen, die seit mehr als zwanzig Jahren das Spezifische des Mediums Internet erforscht.

Olia Lialina — Über Raum und Zeit des Internet

Auf den ersten Blick wirkt die Arbeit leicht und doch ganz klassisch. Ein Selbstporträt der Künstlerin Olia Lialina, deren Haare im Wind wehen. Ein kurzer Loop, aufgeteilt auf drei Bilder. Auf den zweiten Blick wird deutlich, dass es sich um Fenster von drei verschiedenen Browsern handelt. Das Fenster ganz links ist das des Standard Browsers «Google Chrome», der seine Daten über das bekannte «http://» Protokoll direkt vom Server, der irgendwo in einem Rechencenter steht, bezieht. Das Fenster in der Mitte stammt vom «Tor Browser», einem Tool zur anonymen Webnutzung, das seine Daten über das sogenannte «onion protocol» erhält. Diese stellt sicher, dass die Daten nicht bei beim «http://» Protokoll direkt vom Sender zum Empfänger geschickt werden – und dadurch leicht zu überwachen sind –, sondern dass die Daten über eine Vielzahl von Umwegen verschickt werden, sodass der Datenverkehr viel schwerer zu überwachen ist. Das dritte Fenster ist das des «Beaker Browser», ein neues experimentelles System, welches das «dat://» Protokoll integriert. Dieses ermöglicht, Daten nicht mehr nur auf dem einen «Server» anzubieten, sondern dezentral, wie in einem Peer-to-peer-Netzwerk zu verteilen. Jedes dieser Protokolle steht für eine andere Struktur und Geografie des Internets. Jedes Protokoll schafft einen anderen sozialen Raum, in dem gewisse Dinge möglich und andere unmöglich sind. Auf den dritten Blick wird anhand von Datum und Uhrzeit auf der Taskleiste erkennbar, dass es sich nicht um einen Videoloop handelt, sondern um einen Computer, der diesen Loop in Echtzeit abspielt. Die drei unterschiedlichen Räume stehen also nebeneinander und ergeben gemeinsam ein zusammenhängendes Bild. In Zeiten von Edward Snowden und Cambridge Analytica ist diese Arbeit erfrischend optimistisch, indem sie uns darauf aufmerksam macht, dass es eben nicht nur ein Internet gibt, sondern mindestens drei, die sehr unterschiedlich sind, die nicht alle auf Überwachung, Kommerz und Manipulation optimiert sind, und dass wir uns mit Leichtigkeit in allen dreien bewegen können. Ebenfalls bemerkenswert ist, dass diese Arbeit gleichermassen am privaten Bildschirm wie auch als Projektion im Ausstellungsraum funktioniert. Dies ist nicht zufällig. Es spiegelt vielmehr Lialinas tiefe Wurzeln in der Netzkunst, die – im Unterschied zur «post-internet»-Kunst – das Internet nicht nur als Set von Referenzen sieht, die in klassische Objektkunst im Ausstellungsraum einfliessen, sondern die das Internet als einen Produktions- und Rezeptionsort versteht. Lialina, im Unterschied zu anderen Pionier/innen der Netzkunst, sah das Netz jedoch nie als einen Ersatz für die klassischen Kunsträume, sondern als eine Erweiterung, die am besten im Zusammenspiel funktioniert. ‹My Boyfriend Came Back from the War›, 1996, war die erste grössere Netzkunstarbeit von Lialina. Sie erzählt eine hypertext-basierte Geschichte der Schwierigkeiten der Kommunikation. Hier scheinen schon zwei Dinge auf, die sich durch Lialinas ganzes Werk ziehen werden. Einerseits ein sehr genaues Arbeiten mit der spezifischen Medialität des Internets. Zu diesem Zeitpunkt hiess das «Frames» also Rahmen, die eine Website in verschiedene Fenster unterteilen und erlauben, eine offene Geschichte zu erzählen, durch die es viele Wege gibt – sie aber gleichzeitig relativ geschlossen zu halten, weil man nie den Gesamtrahmen verlässt oder den Überblick verliert. Ebenfalls typisch für dieses Moment des Internets waren die für Bilder eigentlich zu niedrigen Datenübertragungsraten, die dazu führten, dass der/die Nutzer/in lange warten musste und damit ein Moment der Nichtkommunikation, der Unterbrechung und des Schweigens entstand.

Das Spezifische des Mediums Internet
Eine neue Arbeit, die auf diese Spezifität des Netzes als Raum fokussiert, ist ‹Summer›, 2013. Eine einfache Folge von Standbildern, welche die Künstlerin beim Schaukeln zeigen, freigestellt durch Photoshop, vor einem blau-weissen Hintergrund, sodass sie über den Wolken zu schweben scheint. Zu dieser Arbeit schreibt sie: «I like to swing on the location bar of the browser, and I like to know that the speed of swinging depends on the connection speed, and that you can’t watch this GIF offline. This GIF is distributed over many web servers, it is very fragile, can freeze from time to time. Sorry!» Denn jedes Bild liegt auf einem anderen Server, betrieben von befreundeten Künstler/innen. Der so im Browser entstehende Filmloop ist eben kein Stream, er kommt nicht von einem Ort, sondern von vielen. Dies wird aber nur in der Adresszeile des Browsers sichtbar, wo die jeweiligen Namen der Rechner, von denen das Bild kommt, angezeigt werden. Sichtbar wird dadurch aber auch das persönliche Netzwerk der Künstlerin. Das «Technische» und das «Soziale» fallen hier zusammen, ohne dass das eine das andere ersetzt oder überdeckt.

Archivierung und Folklore
Eine der anderen Spezifitäten des Netzes ist seine enorme Dynamik und dauernde Innovation. Sowohl das Design-Element der Frames wie auch die niedrigen Übertragungsraten, die für ihre erste Arbeit so wichtig waren, gibt es heute kaum noch. Das Internet, und damit auch Netzkunst, ist besser als performatives denn archivierendes Medium zu verstehen. Aber Lialina hat sich schon früh für die Archivierung und Bewahrung der Netzkunst und der populären Netzkultur eingesetzt. Angefangen bei ihren eigenen Arbeiten. Und so blieb, dank kontinuierlicher Pflege, ‹My Boyfriend Came Back from the War› immer online und entwickelte sich zum meistreferenzierten Werk der frühen Netzkunst mit einer Vielzahl von Remixes, Adaptionen und Re-enactments. So gross war die Resonanz, dass zum zwanzigjährigen Bestehen dieser Arbeit das Haus der Elektronischen Künste/HEK in Basel eine eigene Ausstellung mit dem Werk in seiner Fassung von 1996 und allen Werken anderer, die sich darauf bezogen, veranstalten konnte. Lialinas Interesse an Archivierung reicht aber weit über ihre eigene Produktion hinaus. Ein wesentlicher Aspekt ihrer künstlerisch-forschenden Arbeit ist das, was sie in Publikationen und Vorträgen «Digital Folkore» oder «Digital Vernacular» nannte. In einem Langzeitprojekt ‹One Terabyte of Kilobyte Age› erforschen sie und ihr Partner, Dragan Espenschied, was von ‹Geocities› (1995–2009), der ersten grossen Plattform, auf der Nutzer/innen ihre Webseiten einrichten konnten, übrig blieb. Was sie dabei interessiert, sind die ersten kollektiven Gehversuche in einem neuen Medium, für das noch keine Sprache, noch keine Geschäftsmodelle und «Optimierung» vorhanden waren. Vielmehr war es ein horizontales Lernen, ein generatives «Copy&Paste» auf globaler Basis. So haben sie etwa die Geschichte der «dancing girl»-GIF-Animation aufgearbeitet und eine Schicht der Nutzerkultur der Neunzigerjahre freigelegt, die in der konventionellen Geschichtsschreibung des Internets nie vorkommt. Olia Lialinas ausuferndes Werk entfaltet sich über netzbasierte Arbeiten, Blogs, Vorträge, Publikationen und eine rege Ausstellungstätigkeit. Sie gehört zur allerersten Generation von Künstler/innen, die erkannten, welche fundamentale Veränderungen die Digitalisierung und Vernetzung bringen würden. Über die letzten bald 25 Jahre ist es ihr gelungen, eine visuelle Sprache und künstlerische Position zu entwickeln, die sowohl sehr kohärent und fokussiert ist als auch nach wie vor fähig, überraschende und aktuelle Arbeiten zu produzieren, wie eben ‹Self-Portrait›, 2018, für die sie nun den Netbased Art Award verliehen bekam.

Felix Stalder ist Professor für Digitale Kultur und Theorien der Vernetzung an der ZHdK. felix.openflows.com

Bis 
13.10.2018

Olia Lialina (*1971, Moskau), lebt in Stuttgart
2014 Co-Gründerin von Geocities Research Institute
seit 1999 Professorin für New Media Pathway, Merz Academy, Stuttgart
1998 Gründerin der ersten Web Art Gallery, Teleportacia
seit 1996 arbeitet sie als Internet Künstlerin
1988–93 Studium Journalismus und Film Kritik an der Lomonosov Universität, Moskau

Ausstellungen (Auswahl)
2018 Lossless›, Roehrs&Boetsch Zuerich (solo); The Whole Internet,ICA Aksioma,Ljubljana (solo)
2017 Asymmetrical Response› (duo w/ Cory Arcangel), The Kitchen, NY
2016 MBCBFTW. Online since 1996›, HEK, Basel
2015 Digital Folklore›, HMKV, Dortmund
2014 Megarave›, Kunsthaus, Langenthal
2013 Casting a Wide Net›, Postmasters Gallery, New York
2012 The Internet. Let me show you it›, Gallery b, Stuttgart (solo); ‹Born in 1987.The Animated GIF›, Photographers Gallery, London
2008 Montage: Unmonumental Online›, New Museum, New York; ‹Holy Fire›, IMAL, Brüssel

Publikationen (Auswahl)
‹My Boyfriend Came Back from the War: online since 1996›, hg. von. Sabine Himmelsbach, Basel: Christoph Merian Verlag, 2016
‹Not Art and Tech›, 2015 (online)
‹Turing Complete User›, 2012 (online)
‹Digital Folklore: to computer users, with love and respect›, Projektiv, Stuttgart: merz & solitude (Hg. mit Dragan Espenschied), 2009
‹A Vernacular Web, 1–3›, 2005–2010 (online)

Thematische Blogs (Auswahl)
http://contemporary-home-computing.org
http://blog.geocities.institute/
 

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