Claudia und Julia Müller — Der weiche Blick

Claudia und Julia Müller · Der weiche Blick, 2019, Ausstellungsansichten MBA La Chaux-de-Fonds. Foto: Aline Henchoz

Claudia und Julia Müller · Der weiche Blick, 2019, Ausstellungsansichten MBA La Chaux-de-Fonds. Foto: Aline Henchoz

Claudia und Julia Müller · Der weiche Blick, 2019, Ausstellungsansichten MBA La Chaux-de-Fonds. Foto: Aline Henchoz

Claudia und Julia Müller · Der weiche Blick, 2019, Ausstellungsansichten MBA La Chaux-de-Fonds. Foto: Aline Henchoz

Besprechung

Wie man aus nüchternen Museumsräumen ein Kunstkabinett ­voller Spiegelungen und Anspielungen macht, das zeigen die ­beiden Künstlerinnen Claudia und Julia Müller in ihrer Ausstellung ‹Der weiche Blick›. Sie binden dabei Bestände des Musée des Beaux-Arts in eine anspielungsreiche Erzählung ein.

Claudia und Julia Müller — Der weiche Blick

La Chaux-de-Fonds — Eile ist selten von Vorteil, beim Besuch einer Ausstellung schon gar nicht. Wer zu rasch durch die Räume im Erdgeschoss den grossen, von Claudia und Julia Müller (*1964/*1965) gestalteten Sälen entgegenstrebt, verpasst Entscheidendes. So die ‹Brigands›, die Léopold Robert während seines Italienaufenthalts gemalt hat. Die Räume des Parterres sind ihm gewidmet, dem ältesten Vertreter der Maler-Dynastie, 1794 in La Chaux-de-Fonds geboren, 1835 in Venedig gestorben. Claudia und Julia Müller binden den berühmten Sohn der Stadt ebenso in ihre luftige Raum-Zeichnung ein wie dessen vergessene Berufskollegin Jenny Eckhardt (1816–1850). Die Arbeitertochter Eckhardt versuchte, sozialen Widrigkeiten zum Trotz, als Künstlerin zu leben. Im Depot des Musée des Beaux-Arts zeugen einige wenige Werke – teils in sehr schlechtem Zustand – von Eckhardts Schaffen. Die Basler Schwestern Müller haben die vergessenen Werke ans Licht geholt und in einem Verbindungssaal installiert. In den beiden Sälen, die den Kern der Müller-Ausstellung bilden, begegnet man Motiven von Eckhardt und Robert – vergrössert, verkleinert, abstrahiert, auf den Kopf gestellt und in einer Nachbarschaft, die, wenn man zwischen den Räumen hin und her spaziert, immer vertrauter wird: ein Personengrüppchen am Strand, das mit dem Smartphone fotografiert. Die Schweinefamilie, die wie vom Geräusch der Schritte angelockt – neugierig aus dem Bild hervorblickt. Vergnügt auf einem grossen Bett liegende Kinder, die einen Film oder Dias schauen. Alle scheinen Teil einer Geschichte zu sein, die wie ein grossflächiger Comic erzählt wird, eine Narration, die sich im Rhythmus des Schauens, Gehens, Stehens bewegt. Äusserlich verbindet die Figuren, die Aktionen nur wenig. Die Präsentation selbst schafft die Verbindung. Sehen und Zeigen – der neugierige Blick der Schweine, das Smartphone der Gruppe am Strand, der überdimensionierte Bilderrahmen, den Claudia und Julia Müller und ihre Equipe um eines der Motive von Jenny Eckhardt gemalt haben, verweisen auf das Kernthema der Schau und letztlich jeder visuellen Kunst. Indem sie ihre Motive sowie solche von Robert und Eckhardt wiederholen und variieren, erschaffen sie ein Netzwerk der Blicke, Objekte, Geschichten, das in einer ausliegenden Kartografie visualisiert wird – und das auf intelligente Weise darauf anspielt, wie wir uns die Welt erschliessen, Räume wahrnehmen, Erinnertes einbinden und so Neues erfahren, das durch Bekanntes abgestützt wird.

Bis 
29.09.2019

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