Lichtgeister in der Schlucht

Drache oder Feuersalamander? Geheimnis­volles Wesen in der Taminaschlucht

Drache oder Feuersalamander? Geheimnis­volles Wesen in der Taminaschlucht

Fliessende Farben an den schroffen Felswänden der Taminaschlucht, Courtesy Light Ragaz

Fliessende Farben an den schroffen Felswänden der Taminaschlucht, Courtesy Light Ragaz

Hinweis

Lichtgeister in der Schlucht

Bad Ragaz — 777 Goldstücke weisen den Weg vom Bahnhof zum Lichtspektakel in der Schlucht, über die sich in kühnem Bogen eine moderne Betonbrücke schwingt und in deren Felsen sich seit Menschengedenken die Tamina ihr Bett auf dem Weg von Pfäfers ins Tal gegraben hat. Durch einen Spalt zwängt sich ein Strahl Tageslicht. Tosend und dröhnend kommt der Bach daher, voller Schmelzwasser, grau mit Schwemmsand, hoch aufstiebend, funkelnd und glitzernd. Der Dampf des 36,5 °C warmen Quellwassers vermischt sich mit der Gischt und dem Nieselregen; auf den dunklen kantigen Wänden leuchten sanft fliessende Bilder auf; Vögel ziehen auf ihrem Flug eine goldene Sternenspur hinter sich her, hellblaue Wasserstrudel verwandeln sich mit filigranen Mustern in fein verästelte hellgrüne Blumen, deren rote Blüten sich öffnen. Eine schroffe Felsnase wird zu einem Gesicht, dessen weisse Augen den Besuchern zu folgen scheinen. Hoch über dem Weg scheint ein Feuersalamander auf, später ist die Schlucht geheimnisvoll in Magenta getaucht. Manchmal scheint sich das Licht selbst zu verflüssigen. Symbolisch werden die vier thematischen Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft plastisch sichtbar gemacht: durch ehrgeizige Feuergeister, verführerische Wassergeister, sture Erdgeister und quirlige Luftgeister. ‹Aqua Aurum›, das in Gold sich verwandelnde Wasser, ist das Leitmotiv der musikalisch unterlegten Lichtinstallation des Künstlerkollektivs Projektil. Der erzählerische rote Faden führt dem Leben und Wirken des gebürtigen Einsiedler Arztes und Alchemisten Paracelsus entlang, der 1535 als erster Badarzt in Pfäfers tätig war. Im normalerweise nicht zugänglichen Stollen – Spuren der Mineure sind noch sichtbar – wird diese Geschichte in Nischen entlang einer Lichtkette in wechselnden Farben aufgelegt. Unversehens steht man vor der Fassung des fast körperwarmen Quellwassers, welche sich kosten lässt. Man blickt auch in alte Wannenbäder; karge, weiss geplättelte Kammern. ‹Light Ragaz› wurde 2017 zum erstem Mal durchgeführt, 777 Jahre nach Entdeckung der Quelle, worauf auch die Anzahl Goldstücke entlang des Weges verweisen. Der Ausgangspunkt für die Begehung ist das Alte Bad Pfäfers, welches bis 1969 in Betrieb war und heute, sorgfältig restauriert, unter Denkmalschutz steht. Man erreicht es von Bad Ragaz aus mit dem Postauto auf einer schmalen Strasse oder zu Fuss entlang der stiebenden Tamina. 

Bis 
06.10.2019
Autor/innen
Thomas Schlup

Werbung