Markus Raetz — Drehmomente, Wendepunkte

Markus Raetz · Möbius, 2012, Tusche und Kleisterfarbe auf Papier, 76,5 x 101,5 cm; Drei Gleiche IV, 2012, Eisendraht, 42,5 x 42,5 x 17,5 cm, Monica De Cardenas © ProLitteris. Foto: Andrea Rossetti

Markus Raetz · Möbius, 2012, Tusche und Kleisterfarbe auf Papier, 76,5 x 101,5 cm; Drei Gleiche IV, 2012, Eisendraht, 42,5 x 42,5 x 17,5 cm, Monica De Cardenas © ProLitteris. Foto: Andrea Rossetti

Markus Raetz · Figure in Padiglione (IOTUNOITUTTI), 1996–1999, Holz, Kunststoff, Karton, 165,5 x 86 x 86 cm (inkl. Sockel), Monica De Cardenas © ProLitteris. Foto: Alexander Jaquement

Markus Raetz · Figure in Padiglione (IOTUNOITUTTI), 1996–1999, Holz, Kunststoff, Karton, 165,5 x 86 x 86 cm (inkl. Sockel), Monica De Cardenas © ProLitteris. Foto: Alexander Jaquement

Besprechung

In sich selbst, aus sich heraus, vor uns und um uns drehen sich die feinen Geometrien und Figuren von Markus Raetz. Die Arbeit am Werkverzeichnis lässt ihn gegenwärtig die eigene Entwicklung noch einmal anders erfahren. Uns gibt die Ausstellung bei Monica De Cardenas in Zuoz Zeit, den Blick auf sein Schaffen zu schärfen.

Markus Raetz — Drehmomente, Wendepunkte

Zuoz — Ein Rundgang, angefangen beim hohen Raum am Eingang, führt über Stiegen und Stufen durch die je besonderen Winkel des Engadinerhauses und eröffnet immer weitere Perspektiven auf die Objekte, die Bilder an den Wänden oder mitten im Raum. Das Drehen beim Gehen folgt einer stillen Choreografie, die uns die Werke von Markus Raetz unwillkürlich nahelegen. Alles dreht sich um Sichtweisen. Wie die Möbiusschleife als malerische Spur ohne Anfang und Ende mit einem breiten Pinsel blau in die Bildfläche gesetzt ist, so wäre der ganze Rundgang zu erfahren als Bewegung in einem umfassenden Raum, den plastische Worte und linear umrissene Körper zwischen Ruhen und Kreisen aufgespannt halten. Beim Werk von Markus Raetz wird oft von Wahrnehmung gesprochen, als wäre sie ein rein formaler Vorgang, eine neutrale Konstellation wie zwischen Flasche und Glas, ahistorisch, allenfalls erkenntnistheoretisch bedeutend. Doch ‹le petit rouge› könnte auch ‹le grand vert (verre)› sein. Die Kippmomente zwischen den Wendepunkten «oui» und «non» sind Ansichtssache, aber nicht im Sinne der Beliebigkeit. Die semantisch harte Alternative wird durch die Plastik der Buchstaben aus unterschiedlichen Blickwinkeln sinnfällig aufgehoben. Dieser Vorgang kann existenziell werden, wie für Georg Büchners ‹Woyzeck›: «Sehen Sie, so ein schöner, fester, grauer Himmel; man könnte Lust bekommen, ein’ Kloben hineinzuschlagen und sich daran zu hängen, nur wegen dem Gedankenstrich zwischen Ja und wieder Ja – und Nein. Herr Hauptmann, Ja und Nein? Ist das Nein am Ja oder das Ja am Nein schuld? Ich will drüber nachdenken.» Zwei Modelle ‹OUINON› verweisen auf die im Jahr 2000 hoch oben über der Place du Rhône in den Genfer Himmel geschriebene Anamorphose der Buchstaben von «oui» und «non». Wenn heute die inflationäre Rede von «fake news» jeden Anspruch auf Tatsachen lächerlich machen will, wird der bewusste Wechsel des Blickpunkts und des Standpunkts zum Statement. Bei Markus Raetz nehmen gerade auch die Formen zwischen den Wendepunkten Gestalt an. Zur Überwindung falscher Alternativen zeichnet er buchstäblich Schritte vor. ‹Io tu noi tutti› war 1977 der Titel eines Songalbums von Lucio Battisti. Nun klingen diese Worte, wenn wir bei Raetzens Saalentwurf von allen Seiten verschiedene Ein­blicke wählen, um die Skulpturmodelle im Inneren zu lesen. Der imaginierte Ort dieser Perspektiven ist ein Forum, wo ich und du gleichwertig sind mit der Aufmerksamkeit auf uns, uns alle, ohne Ausgrenzung und stets in Bewegung.

Bis 
31.08.2019

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