Martin Disler — Die Jahre in Les Planchettes

Martin Disler · Ohne Titel, 1990, Aquarell auf Papier, 40 x 30 cm, Fondation pour les œuvres d’art du Centre scolaire et sportif des Deux Thielles, Le Landeron

Martin Disler · Ohne Titel, 1990, Aquarell auf Papier, 40 x 30 cm, Fondation pour les œuvres d’art du Centre scolaire et sportif des Deux Thielles, Le Landeron

Besprechung

Erst vor kurzem war in Chur das Panoramabild ‹Die Umgebung der Liebe› zu bestaunen, eines der grandiosesten Werke der jüngeren Schweizer Malerei. Martin Disler, der dieses Jahr seinen siebzigsten Geburtstag hätte feiern können, wusste aber auch, bescheidene Papierformate kraftvoll zu füllen.

Martin Disler — Die Jahre in Les Planchettes

Neuchâtel — Zeichnen als eine andere, vielfach variierbare Art von Sprache: Auf diese Kurzformel lässt sich die Doppelausstellung bringen, die das Centre Dürrenmatt gemeinsam mit dem Espace Schilling Martin Disler (1949–1996) derzeit widmet. Wie dies lange vor ihm schon Friedrich Dürrenmatt etwa im gleichen Alter getan hatte, war Disler 1988 in den Neuenburger Jura gezogen, und wie Dürrenmatt genoss auch er in jenem Jahrzehnt Erfolg um Erfolg. Doch kein Ruhm ohne Ringen, kein Hauptweg ohne Lust auf Seiten- und Abwege, erst recht nicht als schreibend und künstlerisch dual begabter Mensch. Seine Bilder, so bekannte Dürrenmatt einmal, seien nicht etwa die Nebenarbeiten seiner literarischen Werke, sondern die gezeichneten und gemalten Schlachtfelder, auf denen sich seine schriftstellerischen Kämpfe, Abenteuer, Experimente und Niederlagen abspielen. Die Drastik des Vergleichs passt zur Intensität, mit der man in den Achtzigern europaweit zur Figuration zurückkehrte, und bei Disler, der oft mit dieser Entwicklung assoziiert wurde, war die Entäusserung bekanntlich exzessiv: «Früher dachte ich, dass ich so viel arbeite, weil ich jung sterben muss. Heute denke ich, ich wollte mir damit Zeit verschaffen, um auch Schriftsteller sein zu können.» Dass Disler tatsächlich jung an einem Hirnschlag verstarb, schärft den Blick für die existenzielle Dringlichkeit seiner Kunst und seiner Texte umso stärker. Seine Themen – Leib, Leben, Liebe und Leid – lassen keine Distanz zu. Dies zeigt auch die Werkauswahl in Neuchâtel, die Dislers Westschweizer Legat beleuchtet und dafür hauptsächlich aus zwei lokalen Privatsammlungen schöpft: aus jener des Weingrosshändlers Nicolas Schilling sowie aus dem reichen Fundus des Erlacher Galeristen René Steiner, Dislers Freund und Förderer, mit dem er namentlich die Portfolios ‹Vergessene ­Rituale›, 1988, ‹Ein Schnitt ins Herz›, 1988, und ‹Museum of Desire›, 1991, herausgab. In diesen ­Zyklen gruben Nadel oder Stichel die Körper kantig in das widerständige Material. Ganz anders dagegen die Aussprengradierungen ‹Gioco nero›, 1990, und die Gouachen der Reihe ‹Bleeding Dancers›, die dem Tanzmotiv gemäss weich fliessen. Abermals anders wirken schliesslich die Blätter für das Centre scolaire des Deux Thielles in Le ­Landeron: Hier erscheint die Pinselführung wie in Dislers flächigsten Werken auf Leinwand kontrollierter und zeichenhafter, ähnlich also (wenngleich zarter) wie in seinen Anfängen, als es ihm um ein bildsprachliches Grundvokabular ging.

Bis 
15.09.2019

→ ‹Martin Disler – Museum of Desire›, Espace Nicolas Schilling, bis 15.9. ↗ www.espace-schilling.ch
→ ‹Martin Disler – Vergessene Rituale›, Centre Dürrenmatt, bis 20.10. ↗ www.cdn.ch

Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Martin Disler 01.08.201915.09.2019 Ausstellung Neuchâtel
Schweiz
CH
Künstler/innen
Martin Disler
Autor/innen
Astrid Näff

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