Material Actions — Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts

Ida Applebroog · The Ethics of Desire, 2013, Ultrachrome Tinte auf Mylar, 3 Tafeln, Courtesy Hauser & Wirth. Foto: Genevieve Hanson

Ida Applebroog · The Ethics of Desire, 2013, Ultrachrome Tinte auf Mylar, 3 Tafeln, Courtesy Hauser & Wirth. Foto: Genevieve Hanson

Mary Heilmann · The Red Screen, 1995, Öl auf weiss grundiertem Papier, Courtesy Hauser & Wirth und 303 Gallery New York

Mary Heilmann · The Red Screen, 1995, Öl auf weiss grundiertem Papier, Courtesy Hauser & Wirth und 303 Gallery New York

Besprechung

Plötzlich tauchen sie auf, die Frauen des letzten Jahrhunderts – mit kraftvollen Gesten und Lust an Farbe und Form. Acht Künstlerinnen zeigen bei Hauser & Wirth in St. Moritz eindrücklich, dass sie ihrer Zeit einst weit voraus waren und bis heute nichts an Modernität eingebüsst haben.

Material Actions — Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts

St. Moritz — Edle Schaufenster mit prominenten Labels säumen den Weg zur Galerie Hauser & Wirth in St. Moritz. Wären da keine Berge ringsum, wähnte man sich in einer der Modemetropolen der Welt. Global verteilt sind denn auch die zehn Standorte der Galerie, die 1992 von Ursula Hauser-Fust mit Iwan Wirth in Zürich gegründet wurde und die dank der Ostschweizer Sammlerin schon früh Kunst von Frauen auf dem Radar hatte. Fakt ist: Hinter den im Engadin ausgestellten Arbeiten verbergen sich nicht nur aussergewöhnliches Können und Kreativität, sondern die Lebensgeschichten von Frauen, die trotz Familienalltag und Kampf um berufliche Anerkennung mutig ihren künstlerischen Weg gingen. Ida Applebroog (*1929), aufgewachsen in einer jüdisch-orthodoxen Familie, zog vier Kinder gross, verdiente Geld als Freelance-Illustratorin, schuf hinter verschlossener Badezimmertür 160 sogenannte ‹Vagina Drawings› und zeichnete Sketches für die feministische Zeitschrift ‹Heresies›. Ihr grossformatiges Triptychon auf Schablonenpapier ‹The Ethics of De­sire› ist das Prunkstück der Schau. Es zeigt eine kurzhaarige, nackte Frau mit vernähter Narbe über dem Bauch. Auf Plateauschuhen paradiert die Figur in dreifacher Kopie der Galeriewand entlang. Ihre aufrechte Haltung zeugt von Selbstbewusstsein und erzählt gleichzeitig von den Verletzlichkeiten im Alltag – hier vom Diktat der Schönheitsindustrie, begehrenswert und schlank zu sein. Veredelt mit Goldpatina vermittelt Jenny Holzers (*1950) Gemälde ‹Declassified in Part› nur den Anschein von Schönheit: Das Bild ist mit zensurierten Texten von Donald Rumsfeld an General Richard Myer vor der amerikanischen Invasion in den Irak unterlegt. Mary Heilmann (*1940), die Künstlerin mit der Vorliebe für Popart und Geometrie, Rita Ackermann (*1968), Maria Lassnig (1919–2014) und Anna Maria Maiolino (*1942) setzen bunte Akzente, während Lee Lozano (1930–1999), bekannt für ihren radikalen Rückzug aus Kunst und Feminismus, phallische Nasen und ebensolche Werkzeuge malt. Mit drei kleinen Ölgemälden ist schliesslich die aktuell in der Londoner Serpentine mit einer Einzelausstellung gefeierte Lateinamerikanerin Luchita Hurtado (*1920) vertreten. Die Kleinformate lassen kaum erahnen, welch grandioses Œuvre die bald 99-jährige Künstlerin schuf, und wie sie sich trotz zahlreicher Rückschläge eine ungebrochene Lebensfreude bewahrt hat. Ihr Geheimnis: «I live, I die, I will be reborn», verrät sie auf Youtube – ganz Frau im digitalen Zeitalter. 

Bis 
08.09.2019

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