Mondsüchtig

Joan Fontcuberta · Ivan und Kloka während ihres historischen Aussenbordeinsatzes, 1997. Aus Projekt Sputnik: Die Odyssee der Sojus II

Joan Fontcuberta · Ivan und Kloka während ihres historischen Aussenbordeinsatzes, 1997. Aus Projekt Sputnik: Die Odyssee der Sojus II

Robert Pufleb und Nadine Schlieper · PC–001–170215. Aus der Serie Alternative Moons, 2017

Robert Pufleb und Nadine Schlieper · PC–001–170215. Aus der Serie Alternative Moons, 2017

Hinweis

Mondsüchtig

Winterthur — Es ist der 16. Juli 1969. Tausende haben sich an diesem Nachmittag vor dem Kennedy Space Center in Florida versammelt und starren gebannt zum Himmel. Eine junge Frau hält die Hand einer anderen, die hellen Sonnenstrahlen im Gesicht, der Mund offen, während ihr Schrei der Freude und Verblüffung durch die startende Rakete übertönt wird. Solche Fotografien gibt es viele. Denn die Mondlandung war eines der grössten medialen Ereignisse der Geschichte. Die so entstandene Bilderflut wird in der konzeptuellen Arbeit ‹Apollo 11› von Edy Brunner (*1943, Bern) förmlich spürbar. Er fotografierte die Übertragung der Mondlandung von einem Fernseher ab: jede Sekunde knipste er, rund 23 688 Mal. Durch den Versuch, das schwer Fassbare fassbar zu machen, schien die Fotografie plötzlich greifbarer zu werden als die Realität selbst. Denn die Realität, zumindest jene, die sich damals weit entfernt im Universum abspielte, war lediglich durch die mediale Berichterstattung erfahrbar. Doch droht die Berichterstattung so nicht zu einem Spektakel zu werden, das, zugespitzt formuliert, die Wirklichkeit vollständig ablöst? Die Möglichkeiten der Verfälschung, welche die Mondlandung als mediales Ereignis mit sich bringt, wird in der Ausstellung ‹Mondsüchtig› der Fotostiftung Schweiz thematisiert. Dies ist beispielsweise in der Arbeit von Joan Fontcuberta (*1955, Barcelona) ersichtlich. In seinem langjährigen Forschungsprojekt beschreibt er das Schicksal des russischen Astronauten Ivan Istochnikov, der Ende der Sechzigerjahre unter seltsamen Umständen im Weltraum verschwand. Die sowjetische Regierung versuchte das Scheitern zu vertuschen, deportierte seine Familie nach Sibirien, retuschierte ihn aus Fotografien heraus. Doch so wahr die dokumentierten Ereignisse auch erscheinen mögen, sind sie dennoch frei erfunden. Das Projekt von Fontcuberta ist ein Beispiel dafür, wie die fotografische Inszenierung plausibler erscheinen kann als die Realität selbst – und sie sogar abzulösen vermag. Auch Nadine Schlieper (*1976, Düsseldorf) und Robert Pufleb (*1969, Berlin) bedienen sich diesem Mechanismus in der Serie ‹Alternative Moons›. Das, was auf ihren Fotografien wie die Aufnahme der Mondoberfläche aussieht, ist in Wahrheit ein Pfannkuchen. Doch er wird als Mond gelesen, nicht zuletzt, weil er sich im Kontext dieser Ausstellung befindet. Was wir daraus lernen können? Vielleicht Bilder mit geschärfter Aufmerksamkeit zu betrachten, nicht schlaftrunken, wie der Titel der Ausstellung suggeriert. 

Bis 
06.10.2019
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Mondsüchtig. Fotografische Erkundungen 08.06.201906.10.2019 Ausstellung Winterthur
Schweiz
CH

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