Rachel Maclean — Bon appétit

Rachel Maclean · Make Me Up, 2018, 45’, Videostill

Rachel Maclean · Make Me Up, 2018, 45’, Videostill

Rachel Maclean · Make Me Up, 2018, 45’, Videostill

Rachel Maclean · Make Me Up, 2018, 45’, Videostill

Besprechung

In ihrem neuesten Film serviert uns Rachel Maclean eine groteske Welt: eine Welt, die von Misogynie, Gewalt und Sexualisierung trieft. ‹Make Me Up› ist zurzeit in der Kunsthalle Winterthur zu sehen und beschert uns eine Dreiviertelstunde mit Würgereflex und einem bitter­süssen Ende.

Rachel Maclean — Bon appétit

Winterthur — In einem pompös ausgeschmückten Raum mit drapierten Vorhängen, Rüschen und Schleifen wird die Geschichte von Siri erzählt: Siri wacht in einer Schönheitsklinik auf, in einem dystopisch anmutenden Wunderland in Rosa und Pink. Alles wirkt künstlich, ist grell ausgeleuchtet, als ob es mit einem Snapchat-Filter versehen worden wäre. Der Frust über ihre grosse Nase hat Siri hierhin verschlagen; denn mit einer süssen Stupsnase verspricht sie sich ein erfüllteres Leben – und mehr Follower auf Social Media. Gemeinsam mit anderen puppenhaft zurechtgemachten Mädchen unterliegt Siri nun der Obhut eines grotesk-skurrilen Wesens: Figurehead. Dieses hat hier das Sagen; mit männlicher Stimme kommandiert es seine «Schäfchen» herum, lässt sie wie Marionetten tanzen, stellt ihnen Fragen, während die Mädchen auf Betstühlen knien, als ob sie auf Absolution warten. Doch die Protagonistinnen bleiben mehrheitlich stumm; denn mit einem subkutanen Implantat kontrolliert Figurehead als aufgedonnerte Salondame nicht nur ihre Bewegungen, sondern auch ihre Stimme. Die Mädchen geben sich dem gnadenlosen Regime hin: der Gewalt, der Unterdrückung, der Sexualisierung. «Eat me, eat me!», schreien ihnen Würste entgegen, die, wie der Apfel im Garten Eden, an Bäumen hängen. Und jenes Mädchen, das der Versuchung nicht widersteht, darf eine grosse, ekelerregende Wurst verschlingen, die aus Operationsabfällen anderer Mädchen besteht. Die britische Künstlerin Rachel Maclean (*1987, Edinburgh) thematisiert in ihrem neuesten Film ‹Make Me Up› Misogynie und Machtverhältnisse: Wer bestimmt? Wer bleibt stumm? Die Antworten darauf macht sie auch in der Kunstgeschichte aus: Figurehead spricht mit der Stimme des Kunsthistorikers Kenneth Clark, die Venus von Botticelli wird den Mädchen als Schönheitsideal vorgeführt. Eine Reminiszenz an die letzten Jahrhunderte: Während der Mann die Geschichte schrieb, war die Frau das Objekt seines voyeuristischen Blickes. Mal war sie Hure, mal Muse, mal Heilige. Wie in ihren anderen Filmen wirft Maclean auch hier Fragen nach der eigenen Identität auf und wie diese getrübt wird: durch Schönheitsideale, von denen längst nicht mehr klar ist, wer sie bestimmt, sondern nur, dass sie uns bestimmen. Sie thematisiert auch, wie der weibliche Körper stets im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. In ‹Make Me Up› sind Gewalt und Sexualisierung normalisiert, die Mädchen haben ein frauen- und lebensfeindliches System verinnerlicht, was letztendlich dazu führt, dass sie sich gegenseitig kannibalisieren. 

Bis 
08.09.2019
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Rachel Maclean 14.07.201908.09.2019 Ausstellung Winterthur
Schweiz
CH
Autor/innen
Giulia Bernardi
Künstler/innen
Rachel Maclean

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