Raoul Marek — La salle du monde

Raoul Marek · La salle du monde Oiron, seit 1993; Porträtgalerie mit Tellern, Weingläsern, Stoffservietten und Dîner im Château d’Oiron, Courtesy Verein ‹30 juin R.M.Orion› © ProLitteris. Foto: Laurent Lecat

Raoul Marek · La salle du monde Oiron, seit 1993; Porträtgalerie mit Tellern, Weingläsern, Stoffservietten und Dîner im Château d’Oiron, Courtesy Verein ‹30 juin R.M.Orion› © ProLitteris. Foto: Laurent Lecat

Raoul Marek · La salle du monde Oiron, seit 1993; Porträtgalerie mit Tellern, Weingläsern, Stoffservietten und Dîner im Château d’Oiron, Courtesy Verein ‹30 juin R.M.Orion› © ProLitteris. Foto: Laurent Lecat

Raoul Marek · La salle du monde Oiron, seit 1993; Porträtgalerie mit Tellern, Weingläsern, Stoffservietten und Dîner im Château d’Oiron, Courtesy Verein ‹30 juin R.M.Orion› © ProLitteris. Foto: Laurent Lecat

Besprechung

Raoul Mareks ‹La salle du monde› ist seit siebenundzwanzig Jahren zweierlei: eine feste Installation im Château d’Oiron und eine soziale Skulptur. Sie bringt die Bevölkerung von Oiron und  weitere Gäste seit 1993 jährlich für ein stilvolles Bankett zusammen und sorgt für ein seltenes Gemeinschaftserlebnis.

Raoul Marek — La salle du monde

Oiron/Bern — Nur 800 Einwohner zählt das rund drei Zugstunden von Paris entfernte Oiron. Inmitten von Feldern ist ein spektakuläres Schloss zu erkennen, ein stolzer mehrflügeliger Bau aus dem 15. bis 17. Jahrhundert, mit wunderbarem Blick in die ehemaligen, sich kilometerweit erstreckenden Parkanlagen. Leicht abseits der Touristenströme um die Loire-Schlösser wurde das Château d’Oiron von Jean-Hubert Martin, dem vormaligen Leiter der Kunsthalle Bern und dem legendären Kurator von ‹Les magiciens de la terre›, Anfang der Neunzigerjahre mit einer Sammlung von hochkarätiger Gegenwartskunst bespielt.
Neben Werken von Annette Messager, Christian Boltanski oder Daniel Spoerri ist im Parterre das Netzwerk ‹La salle du monde Oiron› des Schweizer Künstlers Raoul Marek (*1953, lebt in Berlin und Paris) zu sehen: 150 Teller, jeder versehen mit einer kobaltblauen Profillinie, 150 Gläser mit eingeritzten Initialen und 150 Servietten mit dem Abdruck der linken Handlinien versehen. Die drei Gegenstände gehören je einem der 150 Dorfbewohner, die Marek vor 27 Jahren angefragt hatte, Teil einer Zufallsgemeinschaft zu werden. Was auf den ersten Blick wie eine statisch angelegte Installation anmutet, wird einmal im Jahr zur sozialen Skulptur. Jeweils am 30. Juni findet ein stilvolles Abendessen statt, zu dem alle ursprünglich Beteiligten geladen sind, ergänzt um einige weitere Gäste. Die persönlichen Teller und Gläser wurden dieses Jahr bei hochsommerlichen Temperaturen im kühlen Eingangsbereich aufgedeckt. Man sitzt als Gast zwischen dem ehemaligen Bürgermeister oder neben der Dorflehrerin, isst, trinkt Wein aus dem Dorf und kommt so ungezwungen ins Gespräch. Immer wieder werden Kunstwerke partizipativ angelegt, doch nicht alle sind so konzeptstark wie dieses. Die «Porträtgalerie» an der Wand verbindet sich mit dem wunderbaren Erlebnis, sich einen Abend lang mit fremden Menschen als Teil einer Gemeinschaft zu erleben, die es seit fast dreissig Jahren gibt. Auch
Raoul Marek ist als eine Art Zeremonienmeister seit Anbeginn dabei. Doch immer mehr Teller, Gläser und Servietten bleiben permanent an der Wand, weil schon dreis­sig Mitglieder dieser Gesellschaft verstorben sind. Wie wird es mit dem Bankett weitergehen? Der Künstler sinniert: «Das Netzwerk ‹La salle du monde› ist in eine Zeit eingeschrieben. Die Zeit wird kommen, wo nur noch die Porträtgalerie an den gelebten Moment, das alljährliche Dîner verweist. So ist das Leben …» 

→ Eine zweites Projekt von ‹La salle du monde›, findet jeweils am 3.9. im öffentlichen Raum in Bern statt, Informationen und Anmeldung: contact@raoulmarek.net ↗ https://raoulmarek.net

Künstler/innen
Raoul Marek
Autor/innen
Peter Stohler

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