Thomas Schütte — Frauen, Männer und Modelle

Ausstellungsansicht Erdgeschoss, Kunsthaus Bregenz, 2019 © ProLitteris. Foto: Markus Tretter

Ausstellungsansicht Erdgeschoss, Kunsthaus Bregenz, 2019 © ProLitteris. Foto: Markus Tretter

Ausstellungsansicht 1. OG, Kunsthaus Bregenz, 2019 © ProLitteris. Foto: Markus Tretter

Ausstellungsansicht 1. OG, Kunsthaus Bregenz, 2019 © ProLitteris. Foto: Markus Tretter

Besprechung

Dreimal Jahrgang 1954: Das Kunstmuseum Liechtenstein zeigt Thomas Struth, das Kunstmuseum St. Gallen in der Lokremise Albert Oehlen, und das Kunsthaus Bregenz hat dem Düsseldorfer Thomas Schütte eine grosse Schau eingerichtet. Letztere greift auch in den Stadtraum aus und lädt zu Vergleichen ein.

Thomas Schütte — Frauen, Männer und Modelle

Bregenz — Frauen, flach gewalzt, zerdrückt, aufgeschnitten oder verdreht. Thomas Schütte (*1945) hat den weiblichen Körper auf vielfältige Weise umgestaltet, deformiert und verletzt; und er hat es immer als Bildhauer getan, der sich mit einem Typus der figuralen Plastik auseinandersetzt: Die Liegende und die Kniende gehören zum festen Repertoire klassischer Bildhauer von Maillol bis Moore, von Lehmbruck bis Rodin. Schütte hat seine Variationen dieses Themas in den späten Neunzigerjahren in Keramik durchgespielt – ein anachronistisches Vorgehen, dem aber von Anfang an die Option eingeschrieben war, diese Figuren als Modelle zu verstehen. Anfang der 2000er-Jahre entstanden schliesslich die Aluminium-, Bronze- und Stahlgüsse, überlebensgross, rostend oder mit Auto- und Pianolackierung. Acht dieser Frauen sind jetzt im Kunsthaus Bregenz ausgestellt und bilden gemeinsam mit Schüttes Architekturmodellen einen perfekten Zweiklang – wenn sie auch in zwei verschiedenen Stockwerken ausgestellt sind. Wie die Frauenplastiken beziehen sich die architektonischen Modelle des Düsseldorfer Künstlers weniger auf die Realität als vielmehr auf Gestaltungstypologien. Nur das Modell für die Skulpturenhalle Neuss war für eine Umsetzung gedacht und wurde gebaut, alle anderen – Ferienhaus, Bunker oder Wohnhaus – spielen Bauformen durch und weiter bis zur völligen Freiheit von Zweckbestimmtheit. So besteht der Modellsarg nur noch aus einem Gerüstgerippe, das eine farbige Plexiglasplatte in orangerotem Licht erscheinen lässt. Diese Präsentation der Modelle misst sich beinahe unweigerlich mit den über dreihundert Architekturmodellen Peter Zumthors, die zwar nicht gezeigt werden, aber zur Sammlung des Kunsthauses Bregenz gehören: Während Zumthor eine künftige Gesamtsituation interpretiert, reduziert Schütte sich auf Haut und Gestalt imaginärer Bauten. Eine Besonderheit stellt seine ‹Bibliothek (1:1)› dar. Sie ist im Erdgeschoss zu sehen und bleibt aufgrund ihrer Dimension und ihrer Präsentation im Innenraum in der Schwebe zwischen Bau, Skulptur und Modell. Wie der räumliche Kontext auf Schüttes Arbeiten wirkt, zeigt auch der Vergleich der drei Bronzeversionen von ‹Mann im Wind› im dritten Stockwerk des Kunsthauses mit dem Fahnenträger und dem ‹Mann ohne Gesicht› im Aussenraum. Monumental sind sie immer, aber existenzieller und fragiler muten die drei Männer im Innenraum an, obgleich sie sich nicht gegen Stadtmöblierung durchsetzen müssen, sondern konkurrenzlos ihre Verlorenheit entfalten.

Bis 
06.10.2019

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