Another long evening

Beni Bischof · Small City – Big Dreams, 2020, Aquarell auf Papier; Work hard, kuschel soft, 2019, Öl auf Leinwand; Hässliche, aber freundliche Teekannen, 2011–2019, Kaugummi, Ölfarbe, Glitzer, Spray; Ohne Titel, 2019, ungebrannter Ton; Duell, 2012, Digitalprint (von rechts oben nach unten). Foto: Sebastian Stadler

Beni Bischof · Small City – Big Dreams, 2020, Aquarell auf Papier; Work hard, kuschel soft, 2019, Öl auf Leinwand; Hässliche, aber freundliche Teekannen, 2011–2019, Kaugummi, Ölfarbe, Glitzer, Spray; Ohne Titel, 2019, ungebrannter Ton; Duell, 2012, Digitalprint (von rechts oben nach unten). Foto: Sebastian Stadler

Martina Morger · Lèche-vitrines, 2020, Performance, Video, Loop, 18’57’. Foto: Sebastian Stadler

Martina Morger · Lèche-vitrines, 2020, Performance, Video, Loop, 18’57’. Foto: Sebastian Stadler

Hinweis

Another long evening

St. Gallen — Während sich in den vergangenen Monaten so manche Abende in die Länge gezogen haben und sich das öffentliche Kunstgeschehen nur über den Bildschirm verfolgen liess, belebt noch bis Ende August eine Ausstellung des St. Galler Kunstvereins die Innenstadt. Zwar ebenfalls nur durch eine Scheibe, doch endlich wieder im physischen Raum, begegnen wir den Arbeiten von zurzeit siebzehn Künstlerinnen und Künstlern in den Schaufenstern lokaler Geschäfte. Die Kunstwerke wurden ihrem gewohnten Habitat, dem White Cube, entrissen und verführen uns nun zu Spekulationen über neue, laut Kuratorin Nadia Veronese meist nicht geplante Bezüge zu ihrer unverhohlen kommerziellen Umgebung. Eine Ausnahme bildet der mit Zigarettenmotiv bedruckte Vorhang mit passender Lichtskulptur von Michael Bodenmann (*1978, Locarno). Vor dem Schaufenster eines Tabakwarenladens dürfte man hier bei einem Stadtbummel nicht unbedingt auf Kunst tippen.
Neben den angezogenen Schaufensterpuppen einer Kleiderboutique wiederum muten die fliessenden Formen und unterschiedlichen Texturen der Skulptur von Sara Masüger (*1978, Zug) zunächst vor allem edel an. Dieses Werk scheint sich ebenfalls nahtlos einzugliedern, bis sich bei näherem Betrachten jedoch unheimliche fingerartige Gebilde zeigen.
Auch Beni Bischofs (*1976, Widnau) ‹Hässliche, aber freundliche Teekannen›, 2011–2019, mit aufgeklebtem Kaugummi, dick geschichteter Ölfarbe und Glitzer passen bestens zwischen die mit Schleifchen verpackten Pralinen der Confiserie Roggwiller. Allerdings kippen seine pastellfarbenen Verzierungen – nicht allzu weit entfernt von den essbaren Patisserien – fast ins Abjekte. Lediglich fast, weil sie in der Tat zu freundlich aussehen, um gänzlich abstossend zu wirken, und sich stattdessen eher auf der Ebene eines Lausbubenstreichs bewegen. Ein solcher führte auch  zur Wahl der Lokalität, habe doch Bischof angeblich in jungen Jahren unerwünscht jenen Knopf betätigt, der dafür sorgt, dass sich die nun von ihm bespielte Vitrine nach innen dreht.
Den Ausdruck ‹Lèche-vitrines›, zu deutsch Schaufensterbummel, wörtlich nehmend, leckte Martina Morger (*1989, Vaduz) während des Lockdowns die Schaufenster von geschlossenen Shops in Paris ab. Ihr in einem Juweliergeschäft gezeigtes Video mag zum Träumen einladen. Angesichts des weiterhin präsenten Bewusstseins für potenziell virenbehaftete Oberflächen lässt es einen aber erst recht erschaudern – und darüber hinaus den Bezug zu den Gütern hinter den Vitrinen hinterfragen. Doch dies soll nicht von einem Spaziergang durch die Stadt abhalten, um zu schauen, wie sich Kunst in diesen Kontext einfügt. 

Bis 
31.08.2020

→ Stadtraum, bis 31.8. ↗ www.another-long-evening.ch

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