Biennale Bregaglia — Gegenwartskunst in historischem Terrain

Selina Baumann · Rupestre, 2020, Keramik, Erde, zwischen 80 x 50 x 40 cm und 175 x 30 x 40 cm. Foto: Yanik Bürkli

Selina Baumann · Rupestre, 2020, Keramik, Erde, zwischen 80 x 50 x 40 cm und 175 x 30 x 40 cm. Foto: Yanik Bürkli

Roman Signer · Installation am Turm, 2020, Lärchenholz, Blecheimer, Wasser, 520 x 430 x 670 cm. Foto: Yanik Bürkli

Roman Signer · Installation am Turm, 2020, Lärchenholz, Blecheimer, Wasser, 520 x 430 x 670 cm. Foto: Yanik Bürkli

Besprechung

Im Bergell lädt der Verein ‹Progetti d’arte in Val Bregaglia› erneut zum Kunstsommer. Wieder verbindet sich Historisches mit der Gegenwart, Kunst- mit Naturgenuss. Neu ist das Format: Die Schau auf dem Felshügel von Nossa Dona und in der Talsperre Lan Müraia ist die erste Ausgabe der Biennale Bregaglia.

Biennale Bregaglia — Gegenwartskunst in historischem Terrain

Promontogno — Mitten im Bergell an geschichtsträchtiger Stelle sind explizit für den Ort entstandene Werke von zwölf Kunstschaffenden – am besten mit gutem Schuhwerk – zu entdecken. Das aus dem Mittelalter stammende Bauensemble um die Kirche Nossa Dona mit Turm auf dem Felsriegel Castelmur und die Talsperre Lan Müraia mit ehemaliger Zollstätte sind die Schauplätze der Ausstellung und bieten eine schöne, abgerundete Wanderstrecke. Im 19. Jahrhundert wurden der Turm und die ­Kirche um eine Villa im neogotischen Stil ergänzt. Diese wurde als Sommerresidenz der Baronessa de Castelmur genutzt, die zusammen mit ihrem in Frankreich geadelten Mann Giovanni de Castelmur den gesamten Felsriegel erwarb.
Auf die aus heutiger Sicht schillernd erscheinende Baronin verweisen nun während der Ausstellung mehrere Sgraffito-Tafeln von Zilla Leutenegger (*1968). Die auf Zementplatten in wenigen Strichen gezeichneten Frauenfiguren tragen Turnschuhe und Wickelkleider, eine unter ihnen hält ein Fernglas in den Händen, eine andere schaut durch einen Feldstecher. Sie stehen für die Baronin, deren Aura noch heute über dem Hügel zu schweben scheint, ebenso wie für heutige Zeitgenossinnen. In Corona-Zeiten könnten ihre Posen, verharrend zwischen Aufbruch und Abwarten, nicht aktueller sein. Der Süden lockt – und er wäre wahrlich nicht weit. An einer der beiden ehemaligen Toranlagen der einstigen Zollstätte, dort, wo die Grenze zwischen den Bistümern Chur und Como verlief, hat Alex Dorici (*1979) einen neuen, modernen Durchgangspunkt zwischen den Festungsmauern geschaffen. Zum ersten Mal überhaupt hat der Tessiner Künstler und Kupferstecher, dessen «Scotch Drawings», Zeichnungen aus Klebeband, in der Urban Art angesiedelt werden können, eine räumliche Geometrie in drei Dimensionen geschaffen.
Die örtlichen Begebenheiten führten auch bei weiteren der eingeladenen Kunstschaffenden zu neuen Werkgenesen, so unter anderem bei Patrick Rohner (*1959), dessen zum Nachdenken anregende ‹Begehungen› der Natur, in anderer Form auch an der Art Safiental vertreten, zum ersten Mal als Drohnenfilme zu sehen sind. Oder Selina Baumann (*1988), die ihre Tonskulpturen im Aussenraum ausstellt: Das Ensemble von acht neu geschaffenen Keramiken wird nicht nur der Witterung ausgesetzt. Die Künstlerin schafft mit den im Wald mythisch ausstrahlenden Skulpturen, die innen mit Erde gefüllt sind, auch eine wahrhafte Symbiose zwischen der gebrannten Tonerde und der sie spezifisch umgebenden Natur. 

Bis 
27.09.2020
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Biennale Bregaglia 2020 05.07.202027.09.2020 Grossausstellung/Festival Bregaglia
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