Deana Lawson — Centropy

Deana Lawson · Chief, 2019, Pigmentdruck, Courtesy Sikkema Jenkins & Co.

Deana Lawson · Chief, 2019, Pigmentdruck, Courtesy Sikkema Jenkins & Co.

Deana Lawson · Axis, 2018, Pigmentdruck, Courtesy Sikkema Jenkins & Co.

Deana Lawson · Axis, 2018, Pigmentdruck, Courtesy Sikkema Jenkins & Co.

Besprechung

In grossformatigen Fotos zeigt die US-Amerikanerin Deana Lawson Menschen der afrikanischen Diaspora weltweit. Meist in häuslicher Umgebung arrangiert, schauen die fast lebens­grossen Abbilder direkt auf ihr Publikum. Es sind diese entgegnenden Blicke auf Augenhöhe, die Lawsons Fotos auszeichnen.

Deana Lawson — Centropy

Basel — Die feministische Theoretikerin, Aktivistin und Künstlerin bell hooks (nutzt den Namen ihrer indigenen Grossmutter), beschrieb die hierarchische Blickbeziehung als Herrschaftsinstrument über Schwarze Menschen seit der Versklavung. Der unterordnende, entwürdigende Blick lebt als Mittel des Rassismus bis heute in Massenmedien und Alltag fort. Hingegen ist der widerständige Blick, der Handlungsräume eröffnet, bei hooks die zentrale politische Geste gegen Entmenschlichung.
Lawson dekonstruiert und erweitert das historische Blickarrangement mehrfach: Bei ihr sind es nicht die Betrachtenden, welche die Abgebildeten ihrem Regime unterordnen, sondern die Fotografierten, die ihr Publikum anstarren und seine Blicke herausfordern. Die massenmediale Dimension bringt die Künstlerin mit zwei vergrösserten, gefundenen Fotos ins Spiel. In beiden Bildern sind die Augen und damit die Blickkraft beschädigt. Anspielungen auf unterschiedliche Kulturgeschichten des Blicks finden sich mehrfach: Bei ‹An Ode to Yemaya› beispielsweise sind die Augen des kleinen Mädchens, das auf dem Sofa stehend einen Spiegel hält, von einer Gesichtsmaske geschützt. Die ältere sitzende Frau neben ihr schaut aus unendlicher Tiefe, so als erinnere sie sich einer qualvollen Vergangenheit. Ein Mann mit goldener Krone, betitelt mit ‹Chief›, wirkt durch seinen stoischen Blick auch im ärmlichen Zimmer majestätisch. Die Abendmahlsdarstellung an der Wand zeichnet ihn symbolisch wie Jesus als König der Armen aus. Aus Lawsons virtueller Community schaut uns insbesondere die tätowierte junge Frau mit ihrem schönen nackten Körper konfrontativ trotzig an. Für einen weissen, rassistisch sozialisierten Betrachter dürfte ihr standhafter Blick umso herausfordernder wirken, als sie eine Fussfessel trägt. Diese verweist auf rassistische Kriminalisierung, aber auch darauf, dass die Würde von Schwarzen Menschen unabhängig von ihren Lebensumständen unantastbar ist.
Diese Würde wird durch Ganzkörperporträts und sitzende Posen zusätzlich betont. Beides war als bildliche Kodifizierung von «White Supremacy» in der Porträt­malerei Herrschenden vorbehalten. So, als wolle Lawson Abgebildete und Betrachtende mit besonderer Energie aufladen, liess sie Rosenquarze im Ausstellungsraum aufstellen. Veränderung beginnt für bell hooks mit «imagine otherwise». Dies hat Lawson mit ihrer symbolischen Versammlung getan. Es ist nun an uns, die Botschaft zu empfangen und sie umzusetzen. 

Bis 
11.10.2020
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Deana Lawson 09.06.202011.10.2020 Ausstellung Basel
Schweiz
CH
Autor/innen
Heidi Brunnschweiler

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