Editorial — Wie blau ist der Himmel?

Christina Hemauer und Roman Keller · Über die Blauheit des Himmels (Col du Géant, 3365 m ü. M.), 2015, Fotografie

Christina Hemauer und Roman Keller · Über die Blauheit des Himmels (Col du Géant, 3365 m ü. M.), 2015, Fotografie

Editorial

Editorial — Wie blau ist der Himmel?

Zürich im Lockdown – und plötzlich scheint der Himmel blauer als sonst. Weniger Autos, kein Flugverkehr, und schon lichten sich die grauen Schleier. Auch Wölkchen sind kaum mehr zu sehen. Ist das nun gut oder schlecht? Wie geht es weiter? Wie kann der Corona-Schock zu einem nachhaltigeren Umgang mit Ressourcen führen? Als Kunstzeitschrift tun wir, was wir immer tun: Wir bieten Kunstschaffenden Raum, die sich in hermetische Diskurse einklinken, Sachverhalte auf eigenwillige Weise visualisieren und sprechende Bilder für abgegriffene Themen und Thesen finden.

Christina Hemauer und Roman Keller beschäftigen sich schon seit Jahren mit den Auswirkungen des CO2-Ausstosses auf unser Ökosystem. Mit ihren Recherchen schleusen sie sich in den Wissenschaftsbetrieb ein und treiben ihre Messungen mit High- und Lowtech-Geräten voran – unlängst als Stipendiaten am Cern und während der Pandemie vor ihrem Atelier, auf der Lutherwiese mitten in Zürich. Für ihr Projekt zur ‹Blauheit des Himmels› greifen sie beispielsweise auf ein Instrument aus dem 18. Jh. zurück: eine Scheibe aus Karton, beklebt mit blau gefärbten Papierstreifen, die graduell heller werden. Dieses «Cyanometer» ist längst durch feinere Messinstrumente abgelöst worden. Doch während unsere technischen Mittel raffinierter werden, schwindet bei vielen das Vertrauen in die eigene sinnliche Wahrnehmung. Individuelle Beobachtungen, die nicht skalier- und übertragbar sind, sind keine wissenschaftliche Grösse. Und doch sind sie wichtigster Anstoss dafür, Dinge zu ändern. Mit dieser Ambivalenz spielen Hemauer/Keller. Das Bild, das zeigt, wie sie auf dem Col du Géant messen, was auch von Auge zu sehen ist, scheint uns passend für diese Ausgabe: eine Motivation in einem Moment, in dem viele Kunst­orte ihre Aktivitäten wieder starten und wir als Publikum eingeladen sind, genau hinzuschauen und zu überlegen, was wir als Impulse in unseren Alltag übertragen können. 

Künstler/innen
Hemauer/Keller
Autor/innen
Claudia Jolles

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