Frauen und die Siebzigerjahre — Ausbruch und Rausch

Bice Curiger im Pavillon le Corbusier, 2019 © ProLitteris. Foto: Walter Pfeiffer

Bice Curiger im Pavillon le Corbusier, 2019 © ProLitteris. Foto: Walter Pfeiffer

Saus und Braus, Städtische Kunstkammer, Zürich, 1980

Saus und Braus, Städtische Kunstkammer, Zürich, 1980

 Ausstellungsansicht mit Werken von Klaudia Schifferle © ProLitteris

 Ausstellungsansicht mit Werken von Klaudia Schifferle © ProLitteris

Panzerknackerballett (Mitte: Bice Curiger), 1975

Panzerknackerballett (Mitte: Bice Curiger), 1975

Fokus

Es war Bice Curigers Artikel im Kunstbulletin, der 1980 zur Ausstellung ‹Saus und Braus› in der Städtischen Kunstkammer führ­te. Vierzig Jahre später blickt die Kuratorin mit Stefan Zweifel auf ihre legendären Projekte zurück, wobei die Re-Lektüre am selben Ort erfreulicherweise ohne romantisierendes Gepräge mit kritisch-humorvoller Distanz ausfällt.

Frauen und die Siebzigerjahre — Ausbruch und Rausch

Was 1980 unter dem Titel ‹Saus und Braus – Stadtkunst› im Strauhof in Zürich zu sehen war, entsprach nicht dem Kunst-Establishment. Es war vielmehr ein Cross-over von bildender Kunst und aktionistischen Praktiken, von High and Low, mit Musik und einer aufstrebenden jungen Szene. Diese präsentierte ihre Arbeiten abseits gängiger Kanäle und suchte das «Off» oder Unkonforme, Orte jenseits einer doktrinären Institutionalisierung. Oder wie Curiger damals in ihrem Artikel im Kunstbulletin 1/1980 schrieb: «Tatsächlich könnte man sich manchmal in unserem Kulturbetrieb fragen, ob sich nicht auch eine Einteilung machen liesse in Kultur, die primär Erinnerung ist, und eine, die das Leben in schnelle Bewegung versetzt und damit womöglich Erinnerung vorwegnimmt. Dabei ginge es natürlich nicht so sehr um das Schaffen neuer Gefässe, Kategorien und Etiketten, sondern um das gleichwertige Anerkennen und Untereinander-in-Beziehung-Setzen von künstlerischen Leistungen quer durch alle Kulturen einer modernen Gesellschaft.» Daraus resultierte schliesslich jene Schau, für die Curiger und ihr Team knapp fünf Monate, ein kleines Büro in der Roten Fabrik und ein ebenso minimales Budget zur Verfügung hatten. Ihr Ziel formulierte Bice Curiger im Katalog von 1980 wie folgt: «Es war von Anfang an die Absicht, […] ein Bezugssystem sichtbar zu machen, welches sonst durch die Fangarme der Kulturinstitutionen nicht an die Oberfläche gelangt. So soll der gewiefte Kunstbetrachter für einmal ihm Bekanntes in bisher unerkannten Zusammenhängen wiederfinden.» Dass diese Ausstellung ein durchschlagender Erfolg wurde, ist neben dem persönlichen Engagement aller Beteiligten und der Szene auch den Erfahrungen zu verdanken, die Curiger und das Team fünf Jahre zuvor im Rahmen der Ausstellung ‹Frauen sehen Frauen› sammeln konnten.

1975: Auftritt der Frauen
Nicht nur, dass 1975 das UNO-Jahr der Frauen war. In den Jahren davor hatte ­Curigers ‹Panzerknackerballett› mit seinen politisch reizvollen, Genderklischee-widrigen und improvisierten Darbietungen bereits ein breites Publikum begeistert, das den Organisatorinnen gerne in den Ausstellungsraum folgte. Insofern war 1975 der richtige Moment, um als feministische Gruppe in einem institutionell getragenen Gefäss und in einer dauerhafteren Form aktiv zu werden. Kollaborative Praktiken, ein stetiger Rollenwechsel zwischen organisierend und ausführend, zwischen konzipierend und gestaltend prägten diese Schau in der damaligen Städtischen Kunstkammer, im heutigen Strauhof. Anstoss dazu gaben Erfahrungen von Künstlerinnen wie Heidi Bucher, die frisch aus Amerika in die Schweiz zurückkam und von Aktivitäten in Kalifornien wie dem ‹Womanhouse› von Judy Chicago und Miriam Shapiro berichtete. Neben unakademischen Präsentationsformen – Gemälde in Fensterrahmen, Tücher an Wänden und auf dem Boden – war der Bezugsrahmen bewusst auf eine breite Beteiligung ausgerichtet, wodurch viele Persönlichkeiten, die im Kunstbetrieb (noch) nicht Fuss gefasst hatten, ohne grosses Zögern in die Ausstellung integriert wurden.

Und heute: ‹Aufbruch und Rausch›
Hinter der aktuellen Ausstellung im Strauhof steht nicht nur das Bedürfnis der damaligen Organisatorinnen, das Material dieser wegweisenden Ausstellungen der Siebzigerjahre zu bewahren, sondern es auch einer Re-Lektüre zu unterziehen. Dass wiederum der Strauhof als Ausstellungsort gewählt wurde, liegt einerseits am heutigen Profil der Institution – einem Literaturmuseum –, andererseits auch am vorherrschenden Lokalkolorit, das Ähnlichkeiten, aber auch Differenzen zur Situation von 1975 und 1980 aufweist.
So werden neben Originalen aus den früheren Ausstellungen vor allem auch geplottete Fotos, Flyer und Poster gezeigt, ergänzt von Platten und Video- oder Filmaufnahmen. Dieser dokumentarische Ansatz folgt der Idee, das Material sprechen zu lassen, den Rückblick nicht zu beschönigen oder unter heutigen ästhetischen oder theoretischen Aspekten aufzuwerten. Die Botschaft von 1975, die Curiger im Begleitkatalog zur aktuellen Schau mit «Nur keine Whitecube-Feierlichkeit!» zitiert, soll auch für den Rückblick gelten. Curiger und ihrem Co-Kurator Stefan Zweifel liegt der Kontext am Herzen, aus dem heraus sich diese Bewegung und diese Ausstellungen formiert haben; deshalb reicht die Timeline im Parterre des Strauhofs auch vor die Siebzigerjahre zurück, während ein Ausblick in die Achtzigerjahre unterbleibt.
Mit Stefan Zweifel und dem Team vom Strauhof blickt neben Bice Curiger also eine jüngere Generation zurück auf jene Ausstellungen, mit denen Curigers kuratorische Karriere ihren Anfang genommen hat. Viele der damals formulierten kuratorischen «Maximen» haben ihre folgenden Tätigkeiten geprägt: Sei es am Kunsthaus Zürich die Schau ‹Birth of the Cool›,1997, die ihren Titel dem berühmten Miles-Davis-Song verdankt, oder «ihre» Biennale Venedig genannt ‹ILLUMInazioni / ILLUMInations›, 2011, wo Curiger venezianische Malerei des 16. Jahrhunderts einer Auswahl von Gegenwartskunst gegenüberstellte. Die Ausstellung im Strauhof bietet also nicht nur einen Rückblick auf zwei zentrale Ausstellungsgeschehen in Zürich, sondern auch auf den Beginn einer kuratorischen Herangehensweise, die sich durch Sensibilität und Einfallsreichtum, Sorgfalt und genreübergreifendes Interesse auszeichnet.

Irene Müller, Kunstwissenschaftlerin, Kuratorin und Autorin, lebt und arbeitet in Zürich. muellersbuero@gmx.ch

Bis 
04.10.2020

→ ‹Ausbruch & Rausch: Zürich 1975–1980, Frauen Kunst Punk›, Strauhof Zürich, bis 4.10., mit ­ausführlichem Katalog ↗ www.strauhof.ch
→ Stadtführung mit Frauenstadtrundgang Zürich, 29.8.; Veranstaltungen und Begleitprogramm
www.strauhof.ch/veranstaltungen

Ausstellungen/Newsticker Datumabsteigend sortieren Typ Ort Land
Ausbruch und Rausch 21.08.202004.10.2020 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Künstler/innen
Heidi Bucher
Autor/innen
Irene Müller

Werbung