Gaspard Delachaux — Das Monster als Spiegel

Gaspard Delachaux · Inquiétude, 2020, Installation, Skulptur und Projektion, Courtesy CACY. Foto: Claude Cortinovis

Gaspard Delachaux · Inquiétude, 2020, Installation, Skulptur und Projektion, Courtesy CACY. Foto: Claude Cortinovis

Besprechung

Bekannt geworden ist Gaspard Delachaux mit Steinskulpturen, die halb Tier, halb Fabelwesen sind, liebenswerte Monster mit Hang zur Drolligkeit. In Yverdon-les-Bains zeigt er nun eine Auswahl an Zeichnungen, die teils wie dunkle Verwandte seiner Skulpturen wirken.

Gaspard Delachaux — Das Monster als Spiegel

Yverdon-les-Bains — Wenn man es salopp formulieren möchte, kann man die Ausstellung von Gaspard Delachaux (*1947) als eine Monster-Schau bezeichnen. Das Monster hatte, bevor der Genrefilm sich seiner bemächtigte und ein ungeschlacht taumelndes, mordlüsternes Ungeheuer daraus machte, in der abendländischen ­Kultur eine ambivalente Bedeutung. Der Begriff Monster leitet sich vom lateinischen monstrare ab, dem «Zeigen». Das Monstrum war ein Mahnzeichen. Es konnte sowohl ein Mischwesen zwischen Mensch und Tier als auch ein Angehöriger eines jener Wundervölker sein, von denen man, als die Erde noch ihre blinden Flecken hatte, glaubte, auch sie könnte man eines Tages auf einem fernen Erdteil entdecken.
Im Monstrum zeigt sich, was der Mensch für gewöhnlich in seinem Innern verwahrt. Ein Schelm, wer dabei nur Böses denkt. In Yverdon-les-Bains, nicht weit vom Centre d’Art Contemporain entfernt, steht eine wunderbare Brunnenfigur von Gaspard Delachaux, der ‹Grand Baigneur›, 2001–02. Dieser steinerne Badegast, der wie ein Tapir aussieht oder ein riesiges Faultier, räkelt sich behaglich im Brunnenbecken und spuckt ein dünnes Wasserfädchen in die Luft. Er wirkt so bedrohlich wie das Krümelmonster aus der Sesamstrasse und wenn er etwas zeigt, was wir normalerweise gern verbergen, dann die unbändige Lust am Müssiggang.
Auf dem Zeichenpapier und in kleinen Animationsvideos indes gestaltet Dela­chaux ganz andere Monstren. Januswesen, die ruckelnd versuchen, dem rückseitigen Ich zu entwischen, und ihm doch nie entkommen können. Eine Schlange, die auf der Suche nach Vollkommenheit den eigenen Schwanz zu erhaschen sucht und doch immer daran scheitert. Das Surreale, das in den Steinarbeiten gemütlich eingekleidet ist, berührt hier die Welt der Nachtmahre und dunklen Träume. Besonders eindrucksvoll zeigt sich Delachaux’ stupende Fantasie und grosse Könnerschaft in den Zeichnungen, die aus nur einer Linie gefertigt sind. Es sind Vexierbilder, die je nach Blickwinkel mal das Profil, mal die Frontalansicht eines bizarren Wesens zeigen, mal ein Fabeltier, mal zwei, und manchmal öffnen sich zwischen all den verwirrenden Lesarten auch noch beunruhigende Lücken, die die eigene Wahrnehmung resolut in Frage stellen. 

Bis 
13.09.2020
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Mechantoupas - Gaspard Delachaux 18.07.202013.09.2020 Event Yverdon-les-Bains
Suisse
CH
Künstler/innen
Gaspard Delachaux
Autor/innen
Alice Henkes

Werbung