Gasträume 2020 — Störungen im Stadtbild, die aufmerken lassen

Nicola Genovese · I Dragged Out F.K., 2020, Schiffbauplatz, Zürich, Eisen, Lackfarbe,Stoff, Harz, Performance, 50 x 230 x 83 cm, Courtesy KiöR Zürich und Kulturfolger Zürich. Foto: Taiyo Onorato & Nico Krebs

Nicola Genovese · I Dragged Out F.K., 2020, Schiffbauplatz, Zürich, Eisen, Lackfarbe,Stoff, Harz, Performance, 50 x 230 x 83 cm, Courtesy KiöR Zürich und Kulturfolger Zürich. Foto: Taiyo Onorato & Nico Krebs

Fiona Könz & Gregor Vogel · Connecting Dots, 2020, Lindenhof, Zürich, 7 Plakatständer, 14 Plakate im Digitaldruck, je 128 x 90 cm, Courtesy KiöR Zürich und Kein Museum, Zürich. Foto: Taiyo Onorato & Nico Krebs

Fiona Könz & Gregor Vogel · Connecting Dots, 2020, Lindenhof, Zürich, 7 Plakatständer, 14 Plakate im Digitaldruck, je 128 x 90 cm, Courtesy KiöR Zürich und Kein Museum, Zürich. Foto: Taiyo Onorato & Nico Krebs

Corina Rüegg · Grid, 2014 / 2020, Helvetiaplatz, Zürich, Videoprojektion, ca. 600 x 1000 cm, Courtesy KiöR Zürich und Visarte Zürich. Foto: Taiyo Onorato & Nico Krebs

Corina Rüegg · Grid, 2014 / 2020, Helvetiaplatz, Zürich, Videoprojektion, ca. 600 x 1000 cm, Courtesy KiöR Zürich und Visarte Zürich. Foto: Taiyo Onorato & Nico Krebs

Besprechung

Bis Ende September werden 15 Standorte in Zürich zu ‹Gast­räumen› für künstlerische Positionen. Einige davon thematisieren, wie wir den öffentlichen Raum wahrnehmen, besetzen und ­darin interagieren. Fragen, die in Anbetracht der aktuellen Krise relevanter denn je erscheinen.

Gasträume 2020 — Störungen im Stadtbild, die aufmerken lassen

Zürich — Seit Mitte März hat sich unsere Wahrnehmung vom öffentlichen Raum drastisch verändert. Wir bewegen uns anders, interagieren anders miteinander. Einige Werke, die auf Einladung der Arbeitsgruppe Kunst im öffentlichen Raum der Stadt Zürich/AG KiöR für die ‹Gasträume 2020› realisiert wurden, erhalten nun plötzlich eine neue Aufladung. So erscheint die partizipative Installation ‹Connecting Dots› von Fiona Könz (*1991, Samedan) und Gregor Vogel (*1993, Zürich) in Bezug auf die aktuelle Situation besonders interessant. Sie besteht aus vierzehn Plakaten mit nummerierten Punkten, deren Position mithilfe eines Programms zufällig generiert wurde. Entsprechend unvorhersehbar sind die Motive, die sich daraus ergeben. «Uns interessiert die Möglichkeit der Interaktion», sagt Fiona Könz. «Die visuelle Sprache der Punkt-zu-Punkt-Bilder ist den meisten Menschen aus der Kindheit vertraut.» Dabei bestehe der Reiz üblicherweise darin, eine einfache Aufgabe zu lösen, um aus den Punkten ein Bild entstehen zu lassen. «Es ist spannend, zu beobachten, wie sich die Menschen verhalten», fügt Gregor Vogel an. «Wer macht den ersten Schritt? Wer ‹hält sich an die Regeln› und wer verbindet wiederum Punkte, die nicht aufeinanderfolgen?» So weit, so simpel. Doch läuft man durch die Installation auf dem Lindenhof, wird schnell klar: Die Aufgabe ist gar nicht so einfach, wie man es zunächst vermuten würde. Die Anzahl der Punkte nimmt von Plakat zu Plakat exponentiell zu: Während auf dem einen lediglich vier Punkte verbunden werden müssen, sind es auf dem anderen 8192. ‹Connecting Dots› kann als Gedankenexperiment verstanden werden: Darüber, wie komplex das kollektive Lösen einer Aufgabe sein kann und wie das vermeintlich Einfache plötzlich zur Überforderung wird.

Raum einnehmen
Wie interagieren wir im öffentlichen Raum miteinander? Wer dominiert ihn? Wer hält sich im Hintergrund? In diesem Spannungsfeld bewegt sich die künstlerische Arbeit von Nicola Genovese (*1971, Venedig). «Männlichkeit wird oft mit Dominanz gleichgesetzt. Diese Vorstellung prägt noch immer unser Bewusstsein», sagt Genovese. «Nimmt ein Mann also mal nicht die dominante Rolle ein, gilt er als schwach, sein Auftreten als unmännlich.» Dies visualisiert der italienische Künstler mit der Skulptur ‹I Dragged Out F.K.› auf dem Schiffbauplatz. Während der vordere, klauenförmige Teil aus Metall besteht, ist der hintere aus Stoff. «Es ist ein ambivalentes Objekt. Nicht nur formal, indem harte und weiche Materialien vereint werden, sondern auchinhaltlich.» Die Klaue wird einerseits mit Aggression und Dominanz assoziiert, andererseits mit dem verzweifelten Versuch, sich festzuhalten: an einem trügerischen Selbstbild, an klischierten Vorstellungen von Männlichkeit, statt sie loszulassen und neu zu definieren. Dieses qualvolle Festkrallen will der Künstler während der Performance im September sichtbar werden lassen: Dabei wird die Skulptur zum Requisit, das Nicola Genovese mit kratzendem Geräusch über den Platz schleift.

Raum wahrnehmen
Wie tief klischierte Vorstellungen in unserer Gesellschaft verwurzelt sind, wird auch im Zuge der aktuellen Krise sichtbar. Im Mai erreichten uns Schlagzeilen aus den Vereinigten Staaten, in denen das Tragen von Masken als unmännlich und als Zeichen von Schwäche dargelegt wurde. Im Juli folgte die Nachricht, dass nach den Lockerungen in der Schweiz mehr sexuelle Übergriffe gemeldet wurden. So erhielt beispielsweise die ‹Frauenberatung – sexuelle Gewalt› in Zürich nach dem Lockdown doppelt so viele Meldungen. Das kann mehrere Gründe haben, doch nicht zuletzt scheint diese Nachricht das Stereotyp des Mannes als Eroberer zu illustrieren, der,  nachdem er zuhause eingesperrt war, nun seine sexualisierte Aggressivität auslebt. Neben stereotypen Rollenbildern hat die Pandemie vor allem eines sichtbar gemacht: Die Welt ist ein komplexes Netz aus sozialen und politischen Gegebenheiten. Das ist an sich nichts Neues, doch nun wird vor Augen geführt, wie schwer es uns fällt, diese zu fassen. An dieser Stelle setzt Corina Rüegg (*1962, Neu Delhi) mit ‹Grid› an, eine rasterförmige Videoprojektion mitten auf dem Helvetiaplatz, die abends ab 22 Uhr sichtbar wird. «Das Raster ist die reduzierteste Form der Darstellung», so Rüegg. «Wir legen es über unsere Realität, um sie zu vermessen, sie fassbar zu machen, wobei wir gewisse Dinge vereinfachen oder der Einfachheit halber auslassen.» Gleichzeitig ist die Projektion nicht statisch, sondern verändert sich fortlaufend: Die Linien im Raster verschieben sich, wölben und dehnen sich aus. Steht man also vor dem leuch­tenden Rasterbild, hat seine Bewegung etwas Beruhigendes, beinah etwas Meditatives. Doch plötzlich wird die Projektion durch ein kurzes Flimmern unterbrochen, wobei sie sich für wenige Sekunden verformt und verzerrt, ein Phänomen, das bei digitalen Medien auch als «Glitch» bezeichnet wird. «Diese Bildstörungen sind ­eine explizite Aufforderung, den Raum wahrzunehmen, in dem wir uns bewegen», sagt ­Corina Rüegg. Und sie führt aus, dass ‹Grid› uns daran erinnert, dass vieles unbemerkt durch die Maschen fällt und erst eine Störung uns darauf aufmerksam macht, wie viele Raster unser Denken und unseren Alltag durchziehen. 

Bis 
20.09.2020

→ ‹Gasträume 2020›, bis 20.9.  ↗ www.stadt-zuerich.ch/gastraeume

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